Protokoll einer Flucht aus dem Krieg in Syrien nach Heidelberg: “Als eine Rakete in unsere Wohnung einschlug und sie verwüstete, stand der Entschluss für mich, meine Schwägerin und ihre zweijährige Tochter fest, Syrien zu verlassen.” Vor den Toren Europas, in Syrien, blicken Millionen Menschen tagtäglich dem Tod in die Augen! Über 100.000 Menschen haben bereits ihr Leben verloren! Eine Millionen sind geflohen! Sollte uns das gar nicht angehen? Das Protokoll zeigt, wie lebensgefährlich Flucht sein kann, wenn es keinen organisierten Zugang gibt in sichere Gebiete, Länder, die unterzeichnet haben, dass sie Bedrohten Schutz geben!

“Die meisten Menschen lagen wie Leichen übereinander”

Wenn die Bilder von Flüchtlingen auf Booten vor Lampedusa im Fernsehen zu sehen sind, kann der Zuschauer die einzelnen Schicksale dahinter kaum erahnen. heute.de schildert, wie es einem Flüchtling von seiner langen Reise von Syrien über Ägypten nach Heidelberg ergeht – und welches Leid ihm widerfährt.

 

Die Situation im Bürgerkriegsland Syrien ist extrem angespannt. Seit Beginn des Aufstandes gegen das Regime von Bashar Al-Assad im März 2011 fliehen die Menschen aus dem Land, vor allem in die Nachbarländer Jordanien, Türkei und Libanon, aber auch immer mehr nach Europa. Die Flucht ist mit Gefahren und Risiken verbunden, wie das Schicksal von Hossein S. zeigt. Der 32-Jährige hatte in Damaskus einen kleinen Laden mit Haushalts- und Drogerieartikeln. Ein Teil seiner Familie war bereits nach Deutschland geflüchtet, er aber zögerte noch, die Heimat zu verlassen. Für heute.de schildert er die Gründe und die Umstände seiner Flucht: Als eine Rakete in unsere Wohnung einschlug und sie verwüstete, stand der Entschluss für mich, meine Schwägerin und ihre zweijährige Tochter fest, Syrien zu verlassen. Wir reisten zunächst mit dem Flugzeug von Damaskus aus nach Kairo. Schon das war ein Problem, da kurz vor Abflug der Flughafen wegen des drohenden Militärschlags der USA geschlossen werden sollte. Schließlich gelangten wir doch nach Kairo. Von da aus ging es mit dem Bus nach Alexandria weiter. Von dort wollten wir ein Schiff nehmen, das uns nach Italien bringen sollte. 3.000 Dollar pro Person haben die Schlepper dafür von uns genommen. Wir warteten auf die Abfahrt mit anderen Flüchtlingen in einer Wohnung. Wir waren 30 Mann in einem kleinen Apartment. Zunächst hieß es, nur für zwei bis drei Tage, doch dann wurden zwei Wochen daraus.

350 Menschen auf Schiff für 65 Passagiere

In der Wohnung war es heiß und stickig, die sanitären Anlagen in schlechtem Zustand. Jeden Tag hieß es, morgen geht es los. Das Warten zerrte an den Nerven. Zudem behandelten die Ägypter uns sehr schlecht. Seit dem Sturz der Muslimbrüder sind die Ägypter nicht mehr gut auf syrische Flüchtlinge zu sprechen, die sie vorher willkommen geheißen haben. An einem Morgen weckten uns die Schlepper dann. “Beeilt Euch, es geht gleich los”, riefen sie. Wir hatten dann nur wenige Minuten, unsere Sachen zu packen und zum Hafen zu laufen, wo das Boot auf uns wartete. Eine Frau, die zuckerkrank war, vergaß in der Eile ihr Insulin. Auf dem Schiff fiel sie dann ins Koma und starb, im Kreis ihrer Familie. 

Die Situation auf dem Schiff war katastrophal. 350 Menschen waren dort, obwohl eigentlich nur 65 drauf passten. Die meisten Menschen lagen wie Leichen übereinander. Viele von uns mussten im Stehen schlafen. So machte ich es. Versorgt wurden wir die ganze Zeit nur mit Nudeln und Milch, das Trinkwasser war verschmutzt. Viele von uns wurden seekrank und haben die ganze Zeit nur gebrochen. Eine Toilette gab es nicht, nur einen kleinen Raum. Darin stand ein Eimer, in den wir unsere Notdurft verrichteten. Tagsüber brannte die Sonne auf uns, da es kein Dach gab, und nachts froren wir, ohne Decken und mit nasser Kleidung, durch das Wasser, das ständig ins Boot schwappte. 

Flucht aus dem Lager

Acht Tage lang mussten wir so ausharren. Zweimal wechselten wir das Schiff, weil das Boot einen technischen Schaden hatte. Diese Wechsel waren sehr gefährlich, da die Boote gegeneinander knallten und man aufpassen musste, das man nicht dazwischen geriet. Kurz vor Sizilien kamen wir dann noch in Seenot, wurden aber von der italienischen Küstenwache gerettet. Die italienischen Behörden kümmerten sich dann um uns, gaben uns Kleidung sowie Essen und Trinken. Doch schon am nächsten Tag schlossen sie das Lager zu und verlangten 50 Euro von jedem, der raus wollte. Wir nutzten dann einen unbeobachteten Moment, wo das Tor offen stand und flohen aus dem Lager. Mit dem Zug fuhren wir zu Verwandten nach Padua, wo wir einige Tage blieben und uns erholten. Dann brachte uns ein Schleuser mit einem Kleinbus nach Deutschland zu unserer Familie im Lager in Sinsheim bei Heidelberg. 

Aufgezeichnet von Abdul-Ahmad Rashid

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