In Kenya sorgt die nahezu straffreie Massenvergewaltigung einer Schülerin für landesweite Empörung. Auch in anderen Teilen Afrikas wehren sich Frauen zunehmend gegen Übergriffe und die Straflosigkeit der Täter. 2012 wurden 55 000 Fälle sexueller Gewalt angezeigt, nur 6 Prozent führten zu einer Verurteilung. Dabei wird nach Angaben der Forschungseinrichtung South African Medical Research Council nur jede 25. Vergewaltigung der Polizei gemeldet. Die Schülerin war offenbar Ende Juni im Westen des Landes nach der Beerdigung ihres Grossvaters vergewaltigt und schwer verletzt in einen Abwassergraben geworfen worden. Das Mädchen konnte von Anwohnern gerettet werden und überlebte, so dass es die Angreifer identifizieren konnte. Nach Angaben von Bürgerrechtsgruppen sind mindestens drei der verhafteten Männer nach einer Nacht in Polizeigewahrsam und einigen Stunden, während deren sie vor der Polizeistation Gras schneiden mussten, wieder freigelassen worden. Keiner habe wegen der Tat vor Gericht gestanden. Das Mädchen sitzt seit der Tat im Rollstuhl, es hat offenbar schwere Verletzungen am Darm erlitten.

Kenya

Rasenmähen als Strafe für Vergewaltiger

Reportagen und Analysen Heute, 05:30
Milde Strafen für Vergewaltiger: Nach Angaben des nationalen Polizeichefs David Kimaiyo (Bild) sind die Verdächtigen nun erneut in Polizeigewahrsam genommen worden und warten auf ihre gerichtliche Anhörung.
Milde Strafen für Vergewaltiger: Nach Angaben des nationalen Polizeichefs David Kimaiyo (Bild) sind die Verdächtigen nun erneut in Polizeigewahrsam genommen worden und warten auf ihre gerichtliche Anhörung. (Bild: Daniel Irungu / Keystone / EPA)
In Kenya sorgt die nahezu straffreie Massenvergewaltigung einer Schülerin für landesweite Empörung. Auch in anderen Teilen Afrikas wehren sich Frauen zunehmend gegen Übergriffe und die Straflosigkeit der Täter.
Christian Putsch, Kapstadt

Nachdem sechs mutmassliche Vergewaltiger für die Misshandlung eines 16 Jahre alten Mädchens lediglich mit wenigen Stunden Polizeigewahrsam und Rasenpflege bestraft worden waren, ist es in Kenya zu Protesten gegen die Behörden gekommen. Das Kampagnennetzwerk Avaaz startete eine Internetkampagne, in der bis Sonntag innerhalb von zwei Tagen 856 000 Unterstützer Gerechtigkeit forderten. «Vergewaltiger frei herumlaufen zu lassen, nachdem sie Gras schneiden mussten, ist die weltweit unangemessenste Strafe für Vergewaltigungen», sagte die Frauenrechtlerin und Initiatorin der Kampagne Nebila Abdulmelik.

Lehrer als Komplizen

Die Schülerin war offenbar Ende Juni im Westen des Landes nach der Beerdigung ihres Grossvaters vergewaltigt und schwer verletzt in einen Abwassergraben geworfen worden. Das Mädchen konnte von Anwohnern gerettet werden und überlebte, so dass es die Angreifer identifizieren konnte. Nach Angaben von Bürgerrechtsgruppen sind mindestens drei der verhafteten Männer nach einer Nacht in Polizeigewahrsam und einigen Stunden, während deren sie vor der Polizeistation Gras schneiden mussten, wieder freigelassen worden. Keiner habe wegen der Tat vor Gericht gestanden.

Erst durch Recherchen der kenyanischen Zeitung «Daily Nation» kam der Skandal vor einigen Tagen an eine breitere Öffentlichkeit. Nach Angaben des nationalen Polizeichefs David Kimaiyo sind die Verdächtigen nun erneut in Polizeigewahrsam genommen worden und warten auf ihre gerichtliche Anhörung. Andere Polizeisprecher dementierten dagegen, dass alle mutmasslichen Täter gefasst worden seien. Offenbar entgingen einige Verdächtige, die noch zur Schule gehen, einer erneuten Verhaftung. Ihre Lehrer hätten um einen Aufschub bis zum Ende einer Prüfungsphase gebeten. Nach Angaben der Polizei nutzten die Schüler die Zeit, um unterzutauchen. Man sei von den Lehrern getäuscht worden, hiess es, sie hätten bei der Flucht geholfen.

Nach kenyanischer Rechtsprechung hätten die Täter mit mindestens 15 Jahren Gefängnis bestraft werden müssen. Die Kosten für mehrere Operationen, die das Opfer und seine Familie in den finanziellen Ruin geführt haben, hätten laut Gesetz vom Staat bezahlt werden müssen. Das Mädchen sitzt seit der Tat im Rollstuhl, es hat offenbar schwere Verletzungen am Darm erlitten. Ein Teil der Behandlung wurde inzwischen mit Spenden in der Höhe von umgerechnet 5800 Franken bezahlt.

Bei dem Verbrechen handele es sich um ein weiteres Beispiel eklatanten Versagens der Polizei und anderer Regierungsautoritäten, teilte die Bürgerrechtsorganisation Kenya’s Coalition on Violence Against Women mit. Vergewaltigungen und andere Straftaten gegen Frauen würden beständig als unbedeutende Straftaten abgetan. Frauenrechtsgruppen haben für die kommenden Tage Massenproteste in Nairobi und anderen Grossstädten des Landes angekündigt, um gegen Gewalt und patriarchale Strukturen zu demonstrieren. Jede dritte Kenyanerin wird nach Uno-Angaben im Laufe ihrer Jugend Opfer von sexueller Gewalt.

Zwangsheirat mit dem Täter

Zunehmend selbstbewusst kämpfen Frauen auch in anderen afrikanischen Ländern um ihre Rechte. In Marokko gingen im vergangenen Jahr Hunderte auf die Strassen. Sie demonstrierten gegen ein Gesetz, das dem Vergewaltiger einer Minderjährigen Straffreiheit ermöglicht, wenn er das Mädchen anschliessend heiratet. Auch hier war ein spektakulärer Fall Auslöser der Proteste. Ein 16-jähriges Mädchen hatte Selbstmord begangen, nachdem es zur Ehe mit seinem Vergewaltiger gezwungen worden war. Selbst im Osten von Kongo-Kinshasa, wo Vergewaltigungen seit Jahrzehnten zur Kriegstaktik rivalisierender Rebellengruppen gehören, finden Frauen zunehmend den Mut für Protestmärsche.

In den meisten afrikanischen Ländern sehen die Gesetze jahrelange Haftstrafen für Sexualverbrecher vor, allerdings hapert es an der Umsetzung. In Südafrika rief im Februar der Gewerkschaftsbund Cosatu zu Massenprotesten auf, nachdem die 17 Jahre alte Anene Booysen so brutal geschlagen und vergewaltigt worden war, dass sie wenige Stunden danach verstarb. Die Demonstrationen erreichten jedoch nicht annähernd die Dimension der vergleichbaren Kundgebungen in Indien.

Auch gegenwärtig erlebt Südafrika eine derartige Protestwelle. Anfang Oktober wurden zwei Kleinkinder in einer Johannesburger Township vergewaltigt und getötet, ihre Körper wurden in einer öffentlichen Toilette zurückgelassen. Das Verbrechen machte landesweit Schlagzeilen. «Diese grausamen Fälle von extremer Folter und Mord an unseren Kindern gehören nicht zu der Gesellschaft, die wir aufbauen wollen», sagte Präsident Jacob Zuma.

Doch das Land scheint angesichts der Dimension des Problems das Vertrauen in die Sicherheitskräfte verloren zu haben, oft ebbt die Debatte nach wenigen Tagen wieder ab. 2012 wurden 55 000 Fälle sexueller Gewalt angezeigt, nur 6 Prozent führten zu einer Verurteilung. Dabei wird nach Angaben der Forschungseinrichtung South African Medical Research Council nur jede 25. Vergewaltigung der Polizei gemeldet.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/reportagen-und-analysen/rasenmaehen-als-strafe-fuer-vergewaltiger-1.18174691

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