Liegt Europas Zukunft im Süden? Angesichts der Umbrüche in Nah-Ost und Nordafrika und der ihnen folgenden Flüchtlingsbewegungen brauchen wir Visionen für unsere gemeinsame Zukunft, denn Europa und Nah-Ost sind betroffen! Eine Vision ist die Mittelmeer-Union – Gegen die vorherrschende Fatalität des Scheiterns setzt der Politik- und Kulturwissenschaftler Claus Leggewie einen realutopischen Gegenentwurf: eine neue Vision von Europa rund ums Mittelmeer. Eine neu verfasste EU hat das Potenzial, Alternativen für Energieversorgung und Finanzmärkte zu entwickeln, sich als Friedensstifterin in Nahost zu etablieren und nicht zuletzt: in aller Bescheidenheit ein demokratisches Modell für die Staaten anzubieten, die sich nach der arabischen Revolution zwischen laizistischen und islamistischen Regierungen entscheiden müssen.

Zukunft im Süden

“Die Krise des Südens, die auch eine Midlife-Krise der gesamten EU ist, muss zum Ausgangspunkt einer grundlegenden Reform werden, die die Erweiterung und Vertiefung der Union in einem neuen, euro-mediterranen Regionenverbund betreibt.”
Gegen die vorherrschende Fatalität des Scheiterns setzt der Politik- und Kulturwissenschaftler Claus Leggewie einen realutopischen Gegenentwurf: eine neue Vision von Europa rund ums Mittelmeer. Eine neu verfasste EU hat das Potenzial, Alternativen für Energieversorgung und Finanzmärkte zu entwickeln, sich als Friedensstifterin in Nahost zu etablieren und nicht zuletzt: in aller Bescheidenheit ein demokratisches Modell für die Staaten anzubieten, die sich nach der arabischen Revolution zwischen laizistischen und islamistischen Regierungen entscheiden müssen.
Zukunft im Süden führt zu den Ursprüngen der europäischen Zivilisation im Mittelmeerraum zurück, sucht aktuelle Schauplätze im Süden Europas auf, analysiert verpasste Chancen der Mittelmeerunionund formuliert konkrete Vorschläge für eine europäische Friedens- und Entwicklungspolitik an den Grenzen “unseres Meeres”. “Es geht um die Wege zu einer Union neuen Typs und deren Zukunftschancen, die auch ohne die aktuelle Krise zu ergreifen gewesen wären: Die überfällige Korrektur des chaotischen Finanzkapitalismus, dessen Irrwitz sich im Süden besonders drastisch gezeigt hat, möge sich verbinden mit der Energiewende in ganz Europa, dem entschiedenen und zügigen Umstieg von fossilen auf erneuerbare Ressourcen, also dem wichtigsten Transformationsprojekt seit der industriellen Revolution. Beides unterstützt die Autokraten-Dämmerung rund ums Mittelmeer und beflügelt eine Demokratiebewegung, die den Keim und Eckpfeiler einer transnationalen Bürgergesellschaft bildet. Es gibt Alternativen zur vermeintlichen Alternativlosigkeit eines fantasielosen Krisenmanagements.”

Cover: Zukunft im Süden

Brücken in den Süden bauen

Carl-Friedrich Höck • 13. October 2012 • 15:41

(Foto: Marisa Strobel / vorwärts)

Die Mittelmeerunion könnte Europa wiederbeleben, meint der Kulturwissenschaftler Claus Leggewie. Über sein Buch „Zukunft im Süden“ diskutierte er auf der Frankfurter Buchmesse mit dem hessischen SPD-Chef Thhorsten Schäfer-Gümbel.

Es ist ein überraschender Ansatz, den der Politik- und Kulturwissenschaftler Claus Leggewie gewählt hat. Viel ist geredet worden darüber, wie man die EU aus der Krise führen kann. Folgenden Ansatz hat man bisher selten gehört: Die Mittelmeerunion könnte Europa auf die Beine helfen. Wie das funktionieren könnte, beschreibt Leggewie in seinem Buch „Zukunft im Süden“.

Am vorwärts-Stand auf der Frankfurter Buchmesse spricht Leggewie darüber mit Thorsten Schäfer-Gümbel, dem hessischen SPD-Vorsitzenden. Der lobt sein Buch als „ wohltuenden Beitrag“, weil Leggewie mutig nach vorne schaue. „Wenn die EU sich Südeuropa stärker hinwendet und sie aufnimmt, stärkt es sie und schwächt sie nicht“, sagt er. Nationale Grenzen wieder hochzuziehen sei der falsche Ansatz.

Verachtung für die „PIGS“

Genau das könnte passieren, wenn die Skeptiker sich durchsetzen, die nur noch ironisch von den „PIGS“ sprechen, wenn sie Krisenstaaten wie Portugal, Irland, Griechenland und Spanien meinen. Dieser Begriff drücke Verachtung für ein angebliches „Schweinesystem“ im Süden aus, den man im Norden nun am liebsten loswerden wolle, ereifert sich Leggewie. Dabei würde ja auch keiner auf die Idee kommen, die Vereinigung zwischen Ost- und Westdeutschland wieder rückgängig machen zu wollen. „Wir brauchen ein Bekenntnis zum Mittelmeer“, sagt Leggewie. Und damit meint er nicht nur die Länder, die schon zur EU gehören.

Sein Konzept basiert auf der 2008 gegründeten „Union für den Mittelmeerraum“, in der sich die EU-Staaten mit den weiteren Mittelmeeranrainerstaaten, Mauretanien und Jordanien zusammengeschlossen haben. „Diese müssen wir mit Leben füllen“, sagt Leggewie. „Wir müssen eine Brücke nach Nordafrika auch deshalb bauen, um unser Modell einer demokratischen Gesellschaft stark zu machen“, ergänzt Schäfer-Gümbel.

Wie einst die EU

Leggewie erinnert an die Ursprünge der Europäischen Union: Die Gründung der Montanunion 1951. Ziel der Gründerstaaten sei ein gemeinsames Konzept für den Kohlehandel gewesen, also letztlich eine bessere Energieversorgung. Etwas ähnliches schwebt ihm nun für die Mittelmeerunion vor: Indem sie gemeinsam die Energieversorgung der Zukunft sichern, könnten die EU und Nordafrika wirtschaftlich enger zusammenwachsen, wovon alle profitieren würden.

Als Leggewie das erklärt, reagiert Schäfer-Gümbel misstrauisch. Er halte zum Beispiel nichts von dem Projekt Desertec, erklärt er. Dieses sieht vor, an erneuerbare Energien an energiereichen Standorten etwa in Nordafrika oder Südeuropa zu produzieren und an die Verbraucher, vor allem in europäischen Industrieländern, weiterzuleiten. „Afrika hat davon gar nichts“, schimpft Schäfer Gümbel. Das Projekt festige lediglich die Monopole der großen Energieunternehmen.

Leggewie: Wachstum ja, aber nicht mit Hotels

So will Leggewie sein Konzept nicht verstanden wissen. „Das Modell Desertec muss dekolonialisiert und demokratisiert werden“, wendet er ein. Die Energieproduktion müsse den Ländern selbst zukommen, die sie produzieren. Dennoch sei Energiepolitik ein gutes Mittel, um die Länder im Süden nachhaltig zu fördern. „Wir müssen dort das Wachstum voranbringen, aber nicht, indem wir weitere LKW-Parkplätze oder Hotels bauen.“

In seinem Buch beschränkt sich Leggewie aber nicht nur auf das Thema Energie. Er fordert ein „Europa der Regionen“, das kulturelle Vielfalt ebenso fördert wie mehr europäische Demokratie. Als eine Utopie beschreibt er seine Vorschläge, „aber als eine realistische Utopie“. Ob sie einmal Wirklichkeit wird? „Sie muss“, sagt Schäfer-Gümbel.

Info: Claus Leggewie: „Zukunft im Süden. Wie die Mittelmeerunion Europa wiederbeleben kann“. Edition Körber Stiftung 2012, 272 Seiten, 16,00 Euro, ISBN: 978-3-89684-093-6.

http://www.vorwaerts.de/78148/buchmesse_leggewie_schaefer-guembel.html

Claus Leggewie

Zukunft im Süden. Wie die Mittelmeerunion Europa wiederbeleben kann

Hamburg: edition Körber-Stiftung 2012; 270 S.; brosch., 16,- €; ISBN 978-3-89684-093-6

Europa ist nicht verloren. – Mit diesem aufmunternden Zuruf beginnt Claus Leggewie seinen engagierten Beitrag zu einer, seiner Ansicht nach, notwendigen politischen Neuausrichtung der Europäischen Union. Die europäischen Mittelmeerstaaten, dazu zählt Leggewie auch nordafrikanische Mittelmeeranrainer, seien Achillesferse und gleichzeitig Zukunft der EU. Um Krisen zukünftig zu vermeiden, sei es notwendig, diese Staaten wirtschaftlich durch eine „Energieunion“ (166), wirtschaftliche Differenzierung über den Tourismus hinaus und eine Öffnung der Grenzen für Migration zu beidseitigem Nutzen zu stärken. Leggewie verfolgt bei seinen Thesen einen stark entwicklungspolitisch orientierten Ansatz und geht davon aus, dass die EU besser als die Mitgliedsländer in der Lage ist, Lösungen zu entwickeln. Seine Ausführungen erhalten so einen gewollt utopischen Charakter, da die Rolle der Nationalstaaten tendenziell ausgeklammert wird. Somit zeichnet er das verengte Bild einer europäischen „Teilwelt“ (Dieter Senghaas) ohne transatlantische und Ostbezüge der EU zu erwähnen und erweckt dadurch den Eindruck, als ob allein eine Konzentration der EU auf das Mittelmeer ein Ausweg aus der gegenwärtigen Krise sein könnte. Insofern ist der Band sicherlich auch nur eine Teilutopie, die zudem noch die Frage nach der Umsetzung der genannten Vorschläge offen lässt. Nichtsdestoweniger enthält dieser oft mit feuilletonistischer Feder geschriebene Band für den interessierten Leser eine gute Zusammenfassung von entwicklungspolitischen Thesen, die in der aktuellen Diskussion um die Weiterentwicklung der Mittelmeerunion eine Richtung weisen könnten.

EUPHORIEEuropa als Herkulesaufgabe

Von CHRISTIAN THOMAS

Die EU-Fahne schlägt Wellen im Wind: Leggewie sieht die Zukunft Europas in einer Mittelmeerunion. Foto: dapd

Claus Leggewie überschreitet in seinem Europabuch Grenzen – und erweitert die EU um eine Mittelmeerunion.

Claus Leggewie überschreitet in seinem Europabuch Grenzen. Bereits auf den Buchinnenklappen erweitert der Politologe und Kulturwissenschaftler die EU um eine Mittelmeerunion von Mauretanien, über Marokko, Nordafrika, Israel, Syrien bis in die Türkei. Auch zwei plakativ gezeichnete Bildwerke begründen Leggewies EU-Expansionskurs, von dem er sich wahrhaftig eine Grenzüberschreitung verspricht („eine echte Transformation zur Nachhaltigkeit“) wie ja auch zugleich eine bemerkenswerte Grenzziehung: „fairen Handel, sozialverträglichen Umweltschutz und ein intelligentes Konzept lokaler und überregionaler Mobilität“.

Europa, durch den Mythos geboren, steht erneut vor einer Herkulesaufgabe. Denn welche Integrationsleistung erscheint angesichts der Tagespolitik, den Nachrichten aus Ägypten oder Syrien, Israel oder Griechenland unrealistischer, ja vermessener als Leggewies Optimismus: „Wie die Mittelmeerunion Europa wiederbeleben kann“, verheißt der Untertitel seines Buchs „Zukunft im Süden“. Für seinen Mythos, und in ihm sieht er (wie alle großen Mythenforscher) eine welterklärende und handlungsanleitende Denkform, ruft er historische Belege ebenso auf wie Prognosen, statistisches Material oder Horrorszenarien.

EUphorie

EUphorie – die Serie mit Neuerscheinungen zum Thema Europa. Weitere Beiträge aus der “kleinen EU-Handbibliothek” finden Sie in unserer Themenliste.

Da der Nationalstaat allenfalls „trügerische Sicheiten“ liefere, spekuliert Leggewies „realutopischer Entwurf“ zuallererst auf eine Energieunion. Dazu bedürfe es einer „gründlichen Revision der ökonomischen Arbeitsteilung“, ganz abgesehen von der Überwindung neoliberaler Spardiktate oder neokeynesianischer Wachstumsdoktrinen.

Doch warum ausgerechnet die Hoffnung auf die Peripherie? Wegen ihrer (historisch ausgebildeten) Netzwerkstrukturen. Wegen ihrer Stadtstaatengeschichte, mit ihren eng verschränkten Handelsbeziehungen und ihrer Ideenimport- und -exportbilanz. Ohne die Meditéranné zu idealisieren, deren Missentwicklungen so wenig wie deren missliche Gegenwart, macht er im Mittelmeerraum eine riesige Ressource aus. Einen Bewegungsspielraum, geprägt von der Mobilität unterschiedlicher Mentalitäten. Der Mittelmeerraum bringt einen gewaltigen Erfahrungsschatz ein, war er doch „die Arena einer ersten Globalisierung“.

Nun sind Nordafrika, die Türkei oder die Levante schon häufiger Europa zugeschlagen worden – etwa in den postkolonialen Träumen von Geostrategen. Leggewie hat gewiss keinerlei Interesse an einem Remake eurozentrisch-imperialen Phantastereien, ganz im Gegenteil: Mit seiner Utopie des Gabentauschs plädiert er abschließend für eine generöse „Schuldvergebung“ anstelle knallhart kalkulierter Rückzahlungsgeschäfte. Im Gabentausch sieht er einen grenzüberschreitenden Gesellschaftsvertrag. Einen, der nicht allein wirtschaftliche und rechtliche Beziehungen regelt, sondern zwischen Nord und Süd, Arm und Reich, Schuldnern und Gläubigern, moralische Maßstäbe sucht. Hier, spätestens, transzendiert Leggewie Transformationen der schlechterdings ökonomischen Art.

http://www.fr-online.de/literatur/euphorie-europa-als-herkulesaufgabe,1472266,21110638.html

 

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