Raus aus dem Krieg, der gerade seine Heimat Syrien zerstört. Mehr als 100.000 Menschen sind nach Angaben der Vereinten Nationen bei den Gefechten zwischen den Truppen von Herrscher Baschar al-Assad und den Rebellen der Freien Syrischen Armee getötet worden sein. Usama Abu Alhasan aber soll bis Ende des Jahres Deutschland wieder verlassen. Für den Fall, dass er nicht bis zum 29. Dezember 2013 ausgereist sein sollte, werde “ihm hiermit die Abschiebung ins Herkunftsland (Syrien, Arabische Republik) angedroht”, schreibt das Bezirksamt Eimsbüttel Ende September. Die Behörde droht mit einer Abschiebung zurück in den Krieg. Denn er ist ein in Syrien geborener Palästinenser, die 1948 flohen und vertrieben wurden, als die UNO auf palästinensischem Boden den Staat Israel gegen den Willen der dort lebenden Menschen errichtete! Um den vor der deutschen Judentötung Geflohenen auf Kosten der Palästinenser eine Heimat zu organisieren. Die Debatte um die Lampedusa-Flüchtlinge bringt den generellen Umgang mit Flüchtlingen in Deutschland in die Diskussion, die ohne die starke Aktion in Deutschland im Dunklen verläuft und viele Menschen in die Verzweiflung stürzt! Bleibt das Bezirksamt Eimsbüttel bei seiner Position, dass der Aufenthaltstitel nicht verlängert wird, tritt die Ausländerbehörde in Aktion. Sie ist für eine Abschiebung zuständig. Doch dann gilt für Alhasan genauso wie für alle Menschen aus Syrien ein Erlass des Bundesinnenministers: Derzeit werden keine Menschen in das Bürgerkriegsland abgeschoben. Findet die Hamburger Ausländerbehörde keinen anderen Staat, der Alhasan Zuflucht gewährt, dann wird er hier vorerst in Hamburg bleiben können. Er wird “geduldet”, wie es die Gesetze ausdrücken. Usama Abu Alhasan aber möchte nicht nur geduldet werden. Er sagt, er möchte Deutschland mitgestalten. “Ich dachte, die Firmen suchen hier Informatiker genauso wie Ingenieure oder andere Fachkräfte. Warum wollen die Behörden mich loswerden?”

Wie ein Syrer kämpft, um zu bleiben

Der Bezirk Eimsbüttel droht einem Informatik-Studenten die Abschiebung an. Ein Schicksal im Schatten der Debatte um die Lampedusa-Flüchtlinge

Von Christian Unger und Edita Badasyan

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Hamburg. Immer wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft spielt, sitzt Usama Abu Alhasan in seinem Zimmer im Studentenwohnheim vor dem Bildschirm und fiebert mit. Michael Ballack war sein Star in der DFB-Elf, jetzt sind es Manuel Neuer und Toni Kroos. Alhasan trägt eine grüne Daunenweste und den gelben Rucksack über der Schulter. “Entschuldigung”, sagt er zur Begrüßung. Er ist ein paar Minuten zu spät, die Vorlesung habe etwas länger gedauert. Dunkle Ringe liegen um seine großen braunen Augen. Alhasan schläft in diesen Nächten nicht sehr viel.

Es war der 4. August 2012, als Alhasan am Flughafen in Frankfurt ankam. Am Ziel. Und raus aus dem Krieg, der gerade seine Heimat Syrien zerstört. Mehr als 100.000 Menschen sind nach Angaben der Vereinten Nationen bei den Gefechten zwischen den Truppen von Herrscher Baschar al-Assad und den Rebellen der Freien Syrischen Armee getötet worden sein. Sogar Chemiewaffen soll Herrscher Assad eingesetzt haben. Laut Medienberichten treffen täglich 2000 neue Flüchtlinge allein im kleinen Nachbarland Libanon ein. Es wird damit gerechnet, dass ihre Zahl bis Ende des Jahres auf bis zu 1,3 Millionen steigt. Deutschland nahm bisher 5000 Flüchtlinge auf.

Usama Abu Alhasan aber soll bis Ende des Jahres Deutschland wieder verlassen. Für den Fall, dass er nicht bis zum 29. Dezember 2013 ausgereist sein sollte, werde “ihm hiermit die Abschiebung ins Herkunftsland (Syrien, Arabische Republik) angedroht”, schreibt das Bezirksamt Eimsbüttel Ende September. Die Behörde droht mit einer Abschiebung zurück in den Krieg.

Alhasan ist kein Flüchtling – obwohl er dem Krieg entkommen ist. Er ist 26 Jahre alt und studiert im zweiten Semester Informatik an der Universität Hamburg. Alhasan spricht mit einem starken Akzent, manchmal sucht er nach den richtigen Worten. Aber er spricht Deutsch. Alhasan könnte seine Geschichte auch auf Englisch erzählen. Aber er wolle Deutsch sprechen, sagt er, schließlich lebe er hier.

Usama Abu Alhasan arbeitet 30 Stunden pro Woche in einem Lokal

 

In seinem Studium geht es viel um Mathematik, Software-Entwicklung und Wirtschaftsrecht. Jeden Tag habe er Vorlesungen oder Seminare, oft auch bis abends. Danach arbeitet er seit einiger Zeit in einem Restaurant in Eimsbüttel als Küchenhilfe. Aus seinem Rucksack holt er eine Gehaltsabrechnung. 700 Euro verdient Alhasan im Monat, 30 Stunden in der Woche arbeite er in dem Restaurant, sagt er. Das wären knapp sechs Euro Stundenlohn. Im Schatten der Debatte um die Gruppe der Lampedusa-Flüchtlinge gibt es in Hamburg auch solche Geschichten. Geschichten über Einzelkämpfer, die in der Stadt kaum jemand bemerkt.

In einer durchsichtigen Folie trägt Alhasan seinen Ausweis immer bei sich. Das Wappen der Syrischen Republik ist auf das blaue Papier gedruckt, ein goldener Habicht. Darunter steht: “Travel Document For Palestinian Refugees”, ein Reisepass für Flüchtlinge aus Palästina. Und damit beginnt Alhasans Problem. Sein Pass ist seit diesem Sommer abgelaufen. Alhasans Familie floh 1948 aus Palästina nach Syrien. Seine Eltern sind in Damaskus geboren, genauso wie er selbst und seine vier Brüder. Sie sind bis heute keine syrischen Staatsbürger – obwohl sie mit ihrem Flüchtlingspass fast dieselben Rechte genießen.

In Deutschland allerdings nicht. In der Anordnung 02/2013 hat die Hamburger Innenbehörde festgelegt, dass Studenten aus Syrien zwei Jahre Aufenthalt in Deutschland gewährt wird, und dieser sogenannte Aufenthaltstitel auch verlängert werden kann. Überhaupt gilt: Wer als einer der 5000 Flüchtlinge aus Syrien nach Deutschland kommt, darf ohne Asylverfahren auf jeden Fall für zwei Jahre bleiben. Und erhält eine Arbeitserlaubnis.

Alhasan aber ist kein syrischer Staatsbürger. Er fällt durch das Raster der Gesetze. Dabei waren die Bomben, die in der Nähe seiner Wohnung einschlugen, die gleichen, die alle Menschen in Syrien bedrohen. Es waren dieselben Toten, die Alhasan auf den Straßen von Damaskus gesehen hat, wie sie viele Syrer gesehen haben. Seitdem sein Reisepass abgelaufen ist, erzählt er, habe er auch kein Geld mehr von seiner Familie in Syrien per Geldtransfer erhalten können. Der Vater hatte vor dem Krieg als Ingenieur gearbeitet und seine Firma verkauft. Er schickte dem Sohn Geld. Doch das ging dann nicht mehr. Alhasans Probleme wuchsen. “Die syrische Botschaft kann derzeit meinen Reisepass nicht verlängern.” Weil der Postverkehr nach Damaskus nicht funktioniere. Manche Syrer oder Palästinenser aus Syrien hätten schon 200 Euro an die Botschaft gezahlt und würden schon seit Monaten in Deutschland auf ihren Ausweis warten, sagt Alhasan.

Alhasan fehlte nicht nur ein Pass. Es fehlte nun auch Geld. Und das Bezirksamt erhöhte den Druck.

Laut den Unterlagen des Amtes, die dem Abendblatt vorliegen, gab es mehrere Gespräche mit Alhasan im Bezirksamt. Wer als Ausländer in Deutschland studiert, benötigt laut Behörden mindestens 659 Euro im Monat zum Leben. Alhasan half bei einem Personaldienstleister aus, verdiente nach eigenen Angaben 500 Euro im Monat. Das reiche nicht, stellte die Behörde fest. BAföG erhält Alhasan nicht. Seit dem 10. Oktober 2013 ist sein Aufenthaltsrecht abgelaufen. “Staatsangehörigkeit: unbekannt”, steht im Brief der Behörde. Zwischen Krieg in Syrien und dem Kampf mit den Behörden in Hamburg versackt Alhasan im Niemandsland. Eine Sprecherin äußert sich gegenüber dem Abendblatt zu dem laufenden Verfahren aus Gründen des Datenschutzes nicht. Bevor in Syrien Rebellen gegen den Diktator Baschar al-Assad in den Krieg zogen, hatte Alhasans Familie ein gutes Leben – obwohl sie Flüchtlinge aus Palästina sind. Mit den Eltern und seinen Brüdern wohnte er in einem Stadtteil, in dem viele Palästinenser ihre Heimat gefunden hatten. Er studierte, besuchte Deutschkurse am Goethe-Institut in Damaskus und ging am Freitag in die Moschee zum Gebet. Dann kamen die Bomben. Die Uni schloss, das Goethe-Institut auch. Und vor der Moschee standen Soldaten der Rebellentruppen und suchten nach Freiwilligen für ihren Kampf. Doch Alhasan wollte nicht kämpfen. Er wollte lernen und arbeiten. Mit dem letzten Flugzeug aus Damaskus in Richtung Europa sei er nach Frankfurt gekommen. Danach hätten Assads Soldaten den Flughafen in Damaskus endgültig gesperrt.

Das Bezirksamt Eimsbüttel überprüft derzeit seine Entscheidung

 

Alhasan hat Pläne: Das Studium in Deutschland will er beenden, dann vielleicht die Promotion in Informatik, oder aber eine Arbeit suchen. Am liebsten wäre er für die Sicherheit von Computern in einem Unternehmen verantwortlich. “Ich lebe hier in Deutschland meinen Traum.” Derzeit entscheidet die Rechtsabteilung des Bezirksamts über diesen Traum. Weil Alhasan einen Anwalt eingeschaltet und weitere Einkommensnachweise nachgereicht hat, überprüft die Behörde nun ihre Entscheidung für einen Aufenthaltstitel.

Als das Schreiben der Behörde kam, sagte ihm sein Chef, dass er einen Anwalt kenne, der ihm helfen könne. Georg Debler legte Widerspruch gegen die drohende Abschiebung ein. Dem Schreiben der Kanzlei ist die Gehaltsabrechnung von Alhasans neuer Arbeit beigefügt. “Das muss ausreichen”, sagt Anwalt Debler. Und er kritisiert: “Wie auch immer das Verfahren um meinen Mandanten nun ausgeht – wir sind empört darüber, wie blind hier einfach die Gesetze angewendet werden.” Blind vor Alhasans Geschichte, blind vor der Situation in Syrien. So sieht es der Anwalt.

Bleibt das Bezirksamt Eimsbüttel bei seiner Position, dass der Aufenthaltstitel nicht verlängert wird, tritt die Ausländerbehörde in Aktion. Sie ist für eine Abschiebung zuständig. Doch dann gilt für Alhasan genauso wie für alle Menschen aus Syrien ein Erlass des Bundesinnenministers: Derzeit werden keine Menschen in das Bürgerkriegsland abgeschoben. Findet die Hamburger Ausländerbehörde keinen anderen Staat, der Alhasan Zuflucht gewährt, dann wird er hier vorerst in Hamburg bleiben können. Er wird “geduldet”, wie es die Gesetze ausdrücken.

Usama Abu Alhasan aber möchte nicht nur geduldet werden. Er sagt, er möchte Deutschland mitgestalten. “Ich dachte, die Firmen suchen hier Informatiker genauso wie Ingenieure oder andere Fachkräfte. Warum wollen die Behörden mich loswerden?”

http://www.abendblatt.de/politik/deutschland/article121387646/Wie-ein-Syrer-kaempft-um-zu-bleiben.html

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