Widerstand gegen den Krieg und der Versöhnungsprozess sind im ehemaligen Jugoslawien stark von Frauen getragen worden. Angesichts der traditionalistischen Strömungen kämpfen sie weiter für ihre Rechte. Die Kriegsgegnerinnen engagierten sich hauptsächlich in Nichtregierungsorganisationen, während ihre männlichen Mitstreiter die institutionelle Politik bevorzugten. Der wichtigste Grund dafür, dass sich vor allem Frauen gegen den gewaltsamen Zerfall des Landes wehrten, lag im jugoslawischen System selber: Die Frauen waren emanzipiert. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg hatte ein Modernisierungsprozess begonnen, der oft weiter ging als in Westeuropa. Weshalb waren es vor allem Frauen? Nicht weil Frauen per se friedliebender seien, glauben die Gesprächspartnerinnen. Aber das Engagement habe mit weiblicher Identität zu tun. Für Männer, glaubt Ristic, sei es viel schwieriger gewesen, sich von Gewalt und Nationalismus zu distanzieren. Pazifismus galt als unmännlich. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg hatte ein Modernisierungsprozess begonnen, der oft weiter ging als in Westeuropa. «Churchill machte aus den britischen Kampfpilotinnen Stewardessen», sagt Pavicevic lachend. «Bei Tito blieben sie im Cockpit.» Sie sei geschockt gewesen, ergänzt Ristic, als sie in den neunziger Jahren nach Deutschland gegangen sei und es keine einzige Professorin gegeben habe. Von der Belgrader Fakultät war sie es gewohnt, dass fast die Hälfte Frauen waren. Die Emanzipation der Frau in Jugoslawien beschränkte sich allerdings auf die wirtschaftliche Unabhängigkeit und das Recht auf Bildung. In der Privatsphäre galten weiterhin patriarchalische Werte.

rauenwelten

Der Kampf geht weiter

Auslandnachrichten Gestern, 12:00
Drei Friedensaktivistinnen äussern sich über die Rolle der Frau in Serbien unter dem Ansturm von Neotraditionalisten.
Drei Friedensaktivistinnen äussern sich über die Rolle der Frau in Serbien unter dem Ansturm von Neotraditionalisten. (Bild: Marko Risovic)
Widerstand gegen den Krieg und der Versöhnungsprozess sind im ehemaligen Jugoslawien stark von Frauen getragen worden. Angesichts der traditionalistischen Strömungen kämpfen sie weiter für ihre Rechte.
Andreas Ernst, Belgrad

Der Ort für die Diskussion scheint gut gewählt. Wir sitzen im Hof des «Zentrums für kulturelle Dekontamination», wo seit 1994 mit Theater, Ausstellungen und Lesungen die Entwicklung Serbiens und der Region reflektiert wird. Von hier aus ging manche Widerstandsaktion gegen das Regime von Milosevic und seine ideologischen Wasserträger aus. Heute sind die Frontverläufe weniger eindeutig. Borka Pavicevic, die langjährige Direktorin des Zentrums, ist kämpferisch wie eh und je. Ihre Kritik gilt heute den EU-kompatiblen Wendehälsen. Auch für Dasa Duhacek geht das Engagement für die Frauen weiter. Als Akademikerin und Aktivistin gehört sie zu den Pionierinnen des jugoslawischen Feminismus. Schliesslich setzt sich – eben Mutter geworden – die Historikerin Irena Ristic an den Tisch. Sie bezeichnet sich nicht als Feministin. Aber ihre Generation orientiert sich an Pfaden, welche die sogenannten Veteraninnen vorgespurt haben.

Hexen und Huren

Stimmt es wirklich, dass Frauen überproportional für den Frieden kämpften? Mira Markovic, die politisch aktive Gattin Milosevics, oder die Kriegsverbrecherin Biljana Plavsic waren ja auch Frauen. «Es ist eine Tatsache, dass Frauen individuell und in Gruppen eine herausragende Bedeutung hatten», sagt Duhacek. Die Frauen in Schwarz, Vesna Pesic, Natasa Kandic, Sonja Biserko oder unsere Gastgeberin, Borka Pavicevic, hätten sich seit Beginn der neunziger Jahre exponiert. Das sind nur einige wenige Namen aus Serbien. Die andere Frage ist: Weshalb waren es vor allem Frauen? Nicht weil Frauen per se friedliebender seien, glauben die Gesprächspartnerinnen. Aber das Engagement habe mit weiblicher Identität zu tun. Für Männer, glaubt Ristic, sei es viel schwieriger gewesen, sich von Gewalt und Nationalismus zu distanzieren. Pazifismus galt als unmännlich.

Die Kriegsgegnerinnen engagierten sich hauptsächlich in Nichtregierungsorganisationen, während ihre männlichen Mitstreiter die institutionelle Politik bevorzugten. Das blieb auch nach dem Sturz Milosevics im Oktober 2000 der Fall. «Der Antrieb für die Frauen war nicht die Eroberung der Macht, sondern die Umsetzung konkreter Forderungen», sagt Duhacek. Für viele Männer sei das umgekehrt. Sie glaubten, nur über die Macht etwas verändern zu können. Viele Frauen bezahlten für ihr Engagement einen geschlechtsspezifischen Preis und wurden als Hexen und Huren verunglimpft. In Erinnerung bleibt der Pranger, den kroatische Zeitungen im Jahr 1992 gegen fünf kroatische Schriftstellerinnen und Intellektuelle aufstellten: Mit Bild und Adresse wurden die «fünf Hexen» als Vergewaltigerinnen der Heimat dem aufgehetzten Publikum vorgeführt.

Der wichtigste Grund dafür, dass sich vor allem Frauen gegen den gewaltsamen Zerfall des Landes wehrten, lag im jugoslawischen System selber: Die Frauen waren emanzipiert. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg hatte ein Modernisierungsprozess begonnen, der oft weiter ging als in Westeuropa. «Churchill machte aus den britischen Kampfpilotinnen Stewardessen», sagt Pavicevic lachend. «Bei Tito blieben sie im Cockpit.» Sie sei geschockt gewesen, ergänzt Ristic, als sie in den neunziger Jahren nach Deutschland gegangen sei und es keine einzige Professorin gegeben habe. Von der Belgrader Fakultät war sie es gewohnt, dass fast die Hälfte Frauen waren. Die Emanzipation der Frau in Jugoslawien beschränkte sich allerdings auf die wirtschaftliche Unabhängigkeit und das Recht auf Bildung. In der Privatsphäre galten weiterhin patriarchalische Werte.

Sieg der Kirchen

Bereits in den achtziger Jahren – mit der Liberalisierung nach Titos Tod – setzte ein für die Frauen folgenreicher Prozess der Retraditionalisierung ein. In Serbien gelang es keiner Institution so stark wie der orthodoxen Kirche, dem neuen Trend den Stempel aufzudrücken. Als entscheidender Sieg der Kirche betrachtet Duhacek deren Vordringen in die Schulen. 2002 wurde der Religionsunterricht eingeführt. «Damit hörte das Land auf, wirklich säkular zu sein», sagt Duhacek. Die Kirche betreibe ihre ideologische Investition in die junge Generation. «Werte sowie Rechte, wie jenes auf Arbeit oder Abtreibung, die für uns als junge Mädchen selbstverständlich waren, sind infrage gestellt», sagt Pavicevic. Viele ihrer Kollegen, fügt Ristic bei, seien zufrieden, wenn ihre Frauen nicht arbeiteten und auf die Kinder aufpassten. Auch fortschrittliche Parteien hätten sich mit der Kirche und ihren rückwärtsgewandten Werten arrangiert. Sei es aus Feigheit vor der Konfrontation oder weil ihnen angesichts der hohen Arbeitslosigkeit der Weggang der Frauen vom Arbeitsmarkt recht war.

Die Populärkultur übersetzte den neuen Traditionalismus in den neunziger Jahren direkt ins Rollenverständnis von Mann und Frau. Ceca und Arkan, die Sängerin und der Krieger, wurden zum Traumpaar des Boulevards. Der im Januar 2000 in Belgrad ermordete Zeljko Raznatovic, genannt Arkan, stand während der Kriege an der Spitze einer paramilitärischen Truppe und wurde vom Uno-Tribunal in Den Haag wegen Kriegsverbrechen angeklagt. Vor allem in Serbien und Kroatien besang der Turbofolk – eine Mischung aus Pop und Volksmusik – die Kriegshelden, welche Vaterland und Glauben beschützten. Zu Hause wartet die Geliebte, voller Verlangen, einen Sohn zu gebären. Die Kirchen und ein Teil der Populärkultur zogen am gleichen Strick. Dafür nahmen die Geistlichen Kitsch und nackte Haut in Kauf. Der kruden Mischung aus neuem Machismo und kirchlicher Tradition entsprang die obsessive Ablehnung der Homosexualität. «Schwulsein wurde in den neunziger Jahren zum gemeinsamen Nenner für alles, was nicht akzeptabel ist», meint Duhacek.

Wo stehen wir heute? Die drei Frauen sind sich einig: Nicht alle Bastionen sind unter dem Ansturm der Neotraditionalisten gefallen. Für junge Frauen ist es weiterhin selbstverständlich, berufstätig zu sein. Die damit verbundene Unabhängigkeit verbessert ihre Stellung sowohl im öffentlichen Raum als auch privat. Sie sind selbstbewusst, professionell und fordern Respekt ein. Auch dies ist ein Teil weiblicher Realität. Manche ausländische Firmen in Serbien suchen gezielt Frauen für Kaderpositionen. Doch unter dem Strich machten der Abbau im öffentlichen Sektor, die Privatisierungen und die männlichen politischen Seilschaften die Frauen zu Verlierern des Transformationsprozesses, glaubt Ristic.

Erbe des Sozialismus

Auf die Frage, ob die Frauenbewegung in Serbien unter diesen Bedingungen Zulauf habe, zögert Duhacek. Es gebe nicht die eine Frauenbewegung, sondern verschiedene Netzwerke, die die ganze Region umspannten. «Wir sind nicht viele, aber unsere Arbeit ist nachhaltig – seit 1978.» Damals trafen sich im Belgrader Studentenzentrum Feministinnen aus Jugoslawien mit ihren westlichen Schwestern zur Konferenz Frau und Gesellschaft. Die geknüpften Kontakte haben Krieg und Krisen überlebt. «Wir hatten schnell erkannt, auf welche Abgründe unsere Länder zusteuerten.» Der Kampf geht weiter – und ist ein länderübergreifendes Engagement. Für die friedensbewegten Feministinnen hat Jugoslawien als Kommunikationsraum nie aufgehört zu existieren.

Was auffällt: Viele junge, engagierte Frauen möchten sich nicht als Feministinnen bezeichnen. Weshalb? Auch das sei ein Erbe des Sozialismus, meint Duhacek. Feminismus galt als Mode exaltierter und leicht dekadenter Westlerinnen. Mit diesen wollte sich die sozialistische Frau nicht identifizieren. Offiziell war die Frauenfrage ohnehin gelöst. Die jüngere Generation, sagt Ristic, halte die Hinterlassenschaft der Vorkämpferinnen für selbstverständlich. «Erst wenn sich die Lage verändert, wenn man Mutter wird oder arbeitslos, merkt man, was der Kampf für die Rechte der Frau konkret bedeutet.»

Dasa Duhaceks Telefon klingelt. Sie muss weiter. Noch kurz haben wir Zeit, eine These zu testen. Sie lautet: Die Balkanmachos werden von Frauen, genauer von Müttern, herangezogen. Und zwar so: Frustriert vom Egoismus ihrer Männer, lenken die Frauen ihre Liebe auf die Söhne. Sie suchen in ihnen Verbündete gegen den lieblosen Mann, ziehen aber verwöhnte Prinzen heran – und die nächste Generation von Machos. Laut lachend bläst Borka Pavicevic den Zigarettenrauch in die Luft. «Das geht nun über unser Thema hinaus. Das ist ja Freud, Ödipus und die mediterrane Mythologie der Mutter!» Ein weites Feld. Zu weit.

 

Irena Ristic

Irena Ristic ist Historikerin und Politikwissenschafterin am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Belgrad. Hier besuchte sie die Schulen, bevor sie in den neunziger Jahren in Passau und Fairbanks (USA) studierte. Ihre Doktorarbeit schrieb sie über die Ideologie der serbischen Eliten zwischen 1878 und 1918. Nach dem Studium absolvierte sie eine Ausbildung für den diplomatischen Dienst. Sie bezeichnet sich nicht als Feministin, da ihr dieser Begriff zu ausufernd ist. Vielmehr hält sie es für eine Selbstverständlichkeit, Diskriminierung zu erkennen und ihr entgegenzutreten.

Dasa Duhacek

Dasa Duhacek ist Professorin an der Fakultät für Politikwissenschaften der Universität Belgrad. Sie leitet zudem das private Zentrum für Frauenstudien in Belgrad. Ihre Ausbildung absolvierte sie in ihrer Heimatstadt Belgrad und in Rutgers (USA). Duhacek gehört zu den Pionierinnen der Frauenbewegung Jugoslawiens und der «women studies» in Osteuropa. Das Zentrum für Frauenstudien war das erste seiner Art im jugoslawischen Raum und entwickelte sich während der Kriege zu einem wichtigen Dreh- und Angelpunkt der Frauen-, Friedens- und Demokratiebewegung.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/auslandnachrichten/der-kampf-geht-weiter-1.18177935

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s