“Museum der Migration” auf Lampedusa: “Mir scheint, wir fangen jetzt an zu erkennen, dass der Krieg auch ankommt, wo wir wohnen. Dass er bei uns ankommt. Bis Europa – vielleicht im nächsten Sommer – seine Flüchtlingspolitik debattiert, werden wohl noch einige Schiffe untergehen. Wie viele Tote sind es wohl das nächste Mal? Manchmal fragt sich Giacomo Sferlazzo, ob die Wirklichkeit nicht doch stärker ist als die Kunst: “In der Welt sterben täglich Tausende auf der Flucht. Wir sehen sie nur nicht.

Brückenschlag zwischen den Welten – Das “Museum der Migration” auf Lampedusa

Schiffswracks liegen am Strand von Lampedusa.

Es liegen schon etliche Schiffswracks an den Stränden von Lampedusa.

Ein Schiffsfriedhof, mitten auf Lampedusa. Vor vier Wochen starben 400 Flüchtlinge knapp einen Kilometer vor dem rettenden Hafen. Vierhundert, die Hoffnung auf ein besseres Leben in Europa über das Mittelmeer trieb – das Meer, das manche schon das “Meer der Toten” nennen.

“An dem Abend war ich mit Freunden im Hafen. Wir haben die Leichen gesehen. In unserer Verwirrung sind wir mit dem Boot rausgefahren, in der Hoffnung, noch jemanden zu retten, aber …. Ich war wütend, es war ein zersetzender innerer Schmerz, und ich dachte: Das ist Krieg.” Giacomo Sferlazzo ist Sänger und Künstler aus Lampedusa. Er sammelt, was von solchen Tragödien bleibt: Alltagsgegenstände, geborgen aus den Wracks der Flüchtlingsschiffe. Später soll ein “Museum der Migration” daraus werden, das die Erinnerung bewahrt. Eine Geschichte der Menschheit in Bewegung. “Die Tatsache allein, dass Menschen auf so eine gefährliche Reise Briefe, einen Koran oder die Bibel mitnehmen, erzählt ganz viel. Das heißt ja, sie tragen eine Geschichte mit sich – oder ein Gebet.”

“Was heißt Normalität? Bei so vielen Toten?”

Ein Tor an der Küste Lampedusas.

Das “Tor zu Europa” vom Künstler Mimo Paladino

Lampedusa ist der Außenposten Europas, Brennpunkt einer Politik, die Geld- und Warenströme globalisiert, Menschen aber gegen Grenzen laufen – oder dort ertrinken lässt. Das “Tor zu  Europa” des Künstlers Mimo Paladino ist ein hübsches Symbol, mehr wohl nicht. Die Fischer von Lampedusa waren Augenzeugen, für sie ist nichts wie vorher. “Was heißt Normalität? Bei so vielen Toten? Normal sind in Lampedusa die vielen kleinen Tragödien. An die haben wir uns gewöhnt. Aber diese letzte war einfach zu groß, um einfach wieder zur Tagesordnung überzugehen”, sagt Enzo Biresci, Fischer und Lokalpolitiker.

Europa rüstet auf gegen Migranten

Viele Menschen drängeln sich auf einem Boot im Hafen von Lampedusa, Italien.

Ein Flüchtlingsboot im Hafen von Lampedusa, Italien

Seit Jahren sind es dieselben Bilder: Todesfahrten verzweifelter Afrikaner, die mit der Übergabe der Ersparnisse an skrupellose Schlepper beginnen. Und derselbe Abwehr-Reflex. Europa rüstet auf gegen Migranten. Die Grenzagentur Frontex soll Europas Grenzen schützen und illegale Einwanderung stoppen – um jeden Preis. “Die Frage ist doch, wie Ordnung und Schutz hergestellt werden und ob man dafür ein hochmilitarisiertes System von Außengrenzen braucht, das keinen Schutz darstellt, sondern für Tausende Menschen den Tod darstellt. Und die Frage ist, ob so ein europäisches, aufgeklärtes, zivilisiert denkendes Europa sich so etwas eigentlich noch weiter leisten kann”, kritisiert Migrationsforscherin Sabine Hess.

“Sie hoffen nur auf ein bisschen Menschlichkeit”

Giacomo Sferlazzo

Durch ein “Museum für Migration” will Giacomo Sferlazzo an die Tragödien, die auf Lampedusa geschehen, erinnern.

Nach der Tragödie: Giacomo Sferlazzo ist unter den wütenden Bürgern, die herbeieilende EU-Politiker mit Pfiffen empfangen. José Barroso weiß keine Antwort. Papst Francesco, Sohn italienischer Einwanderer in Argentinien, war im Juli auf Lampedusa. Jetzt sprach er von einer kollektiven Schande. Der europäischen Schande. “Ich glaube, diese Menschen aus Afrika kommen, um uns die Rechnung dafür zu präsentieren, dass wir sie jahrhundertelang ausgebeutet haben”, sagt ein Bürger Lampedusas. “Aber es ist nicht eine gesalzene Rechnung, die wir eigentlich bezahlen müssten. Sie hoffen nur auf ein bisschen Menschlichkeit.”

Europa soll sich an seine Werte erinnern

Sabine Hess

Sabine Hess, Migrationsforscherin: “Politik inszeniert eine Tragödie.”

Das Auffanglager für Flüchtlinge auf der Insel ist rettungslos überfüllt. Menschen, ganze Familien campieren unter Bäumen. Und beinahe jede Nacht kommen mehr. Nur weiter, rein nach Europa, dürfen sie nicht. “Es gab schon immer Mobilität und Migrationsströme und letztendlich leben wir seit 500 Jahren in einer vernetzen Welt, die hergestellt wurde durch europäischen Kolonialismus. Das heißt, die Politik ist hier das Problem, die hier an den Grenzen etwas inszeniert, nämlich eine Tragödie”, sagt Sabine Hess.

Kürzlich in Berlin und gestern in Hamburg: Demonstrationen finden jetzt auch in Deutschland statt. Gegen die “Festung Europa”. Dafür, dass dieses Europa sich an seine Werte erinnert. Pragmatiker fordern für Flüchtlinge das Recht auf legale Einwanderung durch einen humanitären Korridor. Damit wenigstens der akute und doch schon Jahre währende Ausnahmezustand endet.

Wie viele Tote sind es wohl das nächste Mal?

Bis Europa – vielleicht im nächsten Sommer – seine Flüchtlingspolitik debattiert, werden wohl noch einige Schiffe untergehen. Wie viele Tote sind es wohl das nächste Mal? Manchmal fragt sich Giacomo Sferlazzo, ob die Wirklichkeit nicht doch stärker ist als die Kunst: “In der Welt sterben täglich Tausende auf der Flucht. Wir sehen sie nur nicht. Aber mir scheint, wir fangen jetzt an zu erkennen, dass der Krieg auch ankommt, wo wir wohnen. Dass er bei uns ankommt.”

“Wir hier, die dort” – diese Sicht auf die Welt macht blind. Europa aber bleibt dabei: Barmherzigkeit ist gut. Die Küste bewachen aber besser.

(Beitrag: Andreas Lueg)

 

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