Offener Brief: “Europa muss sich dem Mittelmeer öffnen” Anstatt weiterhin nur die militärische Verteidigung des europäischen Territoriums durch Praktiken der Kontrolle und der Abweisung zu verstärken, scheint es uns dringlich geboten, eine Politik der Öffnung und des Austauschs in konkrete Maßnahmen zu übersetzen. Forschergruppe „TRANSMED!“ wendet sich in einem offenen Brief an Politiker in Deutschland, Frankreich und Europa. Was für die Forscher von Transmed! bereits Wirklichkeit ist, sollte auf breitester Basis der Jugend des Mittelmeerraums ermöglicht werden, die sich nach Frieden und einer besseren Zukunft sehnt. Nach dem zweiten Weltkrieg hat Europa positive Erfahrungen mit Praktiken des Kulturaustauschs gemacht.

 

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Europa soll sich dem Mittelmeer öffnen

 

08.11.2013, 15:10 | Wissenschaft | Autor: idw | 0 Kommentare

 

 

 

Forschergruppe „TRANSMED!“ wendet sich in einem offenen Brief an Politiker in Deutschland, Frankreich und Europa

Die Mitglieder des europaweiten Forschernetzwerks „TRANSMED!“ haben sich in einem offenen Brief an führende deutsche, französische und europäische Politiker gewandt. Vor dem Hintergrund der Ereignisse vor der italienischen Insel Lampedusa Anfang Oktober 2013 fordern sie die Politik dazu auf, „ein zum Mittelmeer hin geöffnetes Europa“ zu gestalten. Konkret regen sie an, „das Erasmus-Programm zur Förderung der Mobilität von Studierenden auf alle Anrainerstaaten des Mittelmeers auszudehnen und – nach dem Muster des DFJW – ein transmediterranes Jugendwerk ‚Ibn Khaldun‘ zu begründen“.
Im Folgenden der Offene Brief:

Europa muss sich dem Mittelmeer öffnen

Offener Brief an Angela Merkel, Jean-Marc Ayrault,
José Manuel Barroso und Martin Schulz

Tunis, 11. Oktober 2013

Als Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen arbeiten wir seit 2011 im Programm Transmed! zusammen, das dank der Unterstützung des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW) eingerichtet wurde. Aus Ägypten, Deutschland, Frankreich, Italien, Portugal, Tunesien und der Türkei herkommend, sind wir in dem Wunsch verbunden, Europa in seinen Bezügen zu den Gesellschaften und Kulturen der Méditerranée neu zu denken.

Wir sind schockiert von der Tragödie, die sich am 3. Oktober 2013 vor der Insel Lampedusa ereignete, und auch von den Reaktionen europäischer Politiker auf den Tod von Hunderten ertrunkener Menschen – unter ihnen Männer, Frauen und Kinder, denen keine andere Wahl blieb, als ihre Länder zu verlassen.

«Lampedusa» ist das traurige Symbol europäischer Politiken der Grenzschließung geworden. Diese Wirklichkeit muss uns dazu bringen, die Demarkationslinien in einer sich rasant wandelnden Welt grundsätzlich zu überdenken. Es gilt heute, an die engen Bezüge zu erinnern, die Europa mit dem Mittelmeer verbinden, das fortan als ein « öffentlicher Raum » betrachtet und zu einem Ort der Aufnahme und der Begegnung werden sollte.

Während das internationale Kapital heute mit größter Freiheit zirkuliert, gilt die gleiche Freiheit nicht für Personen. Wir kritisieren mit Nachdruck diese Exklusion und fordern ein zum Mittelmeer geöffnetes Europa, das seinem selbstgestellten Anspruch, sich auf soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte zu gründen, gerecht werden muss.

Um dieses Ziel zu erreichen, muss die Demokratie in Europa und an allen Küsten des Mittelmeers gestärkt werden, ein Anliegen, das eine breit geführte gesellschaftliche Debatte über Institutionen und Migrationspolitiken unerlässlich macht. Anstatt weiterhin nur die militärische Verteidigung des europäischen Territoriums durch Praktiken der Kontrolle und der Abweisung zu verstärken, scheint es uns dringlich geboten, eine Politik der Öffnung und des Austauschs in konkrete Maßnahmen zu übersetzen.

Diese Politik hat ihren Preis: Europa muss zunächst weit mehr Geld als bisher bereitstellen, um einen humanen Empfang der Menschen zu gewährleisten, die vor Not und Verfolgung im Süden des Südens fliehen. Um das angstbesetzte Grenzregime im Mittelmeer grundsätzlich und langfristig zu überwinden, muss Europa darüber hinaus Mobilität und Begegnungen mit den nordafrikanischen Gesellschaften nachhaltig fördern. Was für die Forscher von Transmed! bereits Wirklichkeit ist, sollte auf breitester Basis der Jugend des Mittelmeerraums ermöglicht werden, die sich nach Frieden und einer besseren Zukunft sehnt.

Nach dem zweiten Weltkrieg hat Europa positive Erfahrungen mit Praktiken des Kulturaustauschs gemacht – gerade zwischen Deutschland und Frankreich, die durch eine militärische und intellektuelle Maginot-Linie getrennt waren, wie heute die nördlichen und südlichen Küsten des Mittelmeers. In Hinblick auf diese bis heute erfolgreiche Politik schlagen wir vor, das Erasmus-Programm zur Förderung der Mobilität von Studierenden auf alle Anrainerstaaten des Mittelmeers auszudehnen und – nach dem Muster des DFJW – ein transmediterranes Jugendwerk „Ibn Khaldun“ zu begründen. Dessen Programme werden den „öffentlichen Raum“ Méditerranée konkrete Wirklichkeit werden lassen und dazu beitragen, ein zum Mittelmeer hin geöffnetes Europa zu gestalten, das statt auf geldverschlingende Frontex-Drohnenflüge an seinen Grenzlinien auf die Stärkung der Zivilgesellschaften setzt.

Azmi Ashour (Kairo)
Raffaele Carbone (Neapel)
Hanno Ehrlicher (Augsburg)
Gunter Gebauer (Berlin)
Franck Hofmann (Nantes)
Mohamed Kerrou (Tunis)
Nora Lafi (Berlin)
Yann Lafon (Hamburg)
Nazan Maksudyan (Istanbul)
Markus Messling (Berlin)
Tanja Michalsky (Berlin)
Sarga Moussa (Paris/Lyon)
Diogo Sardinha (Lissabon/Paris)

Das Projekt „Transmed! denken der Méditerranée und europäisches Bewusstsein“ wird unterstützt von der Forschungsabteilung des Deutsch-französischen Jugendwerks (DFJW) und durchgeführt in Kooperation mit dem Collège International de Philosophie Paris. Im Rahmen des seit 2011 laufenden Vorhabens kamen die beteiligten Wissenschaftler aus sieben Ländern, die zugleich die Unterzeichner des offenen Briefes sind, bisher in Paris, Marseille, Neapel, Lissabon und Tunis zu Arbeitstreffen zusammen. Das nächste Treffen ist für den 5.–7. Mai 2014 in Istanbul geplant.

Kontakt/Sprecher des Projekts:
Dr. Markus Messling, Universität Potsdam, Institut für Romanistik/Leiter Emmy Noether-Nachwuchsgruppe (DFG), Telefon: 0331/977-4204, E-Mail: messling@uni-potsdam.de
Dr. Franck Hofmann, Peter Szondi-Institut, Freie Universität Berlin,
Email: hofmann@transversale.org
Internet: http://www.uni-potsdam.de/philologie+rassismus/transmed.html

Quelle: idw

http://www.juraforum.de/wissenschaft/europa-soll-sich-dem-mittelmeer-oeffnen-458530

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