100 Lörracher diskutieren über Integration in ihrer Stadt. Diskutiert wird am Freitagnachmittag nahezu vier Stunden lang, und das zunächst in zwei Teams: Eines besteht aus Teilnehmern mit Migrationshintergrund, das andere aus “Biodeutschen. Aus 15 Interviews haben sich die Handlungsfelder herauskristallisiert, um die es nun hier im Rathaus gehen soll. Viele der anwesenden Migranten wünschen sich vor allem eines: Die Begegnung, den sozialen Kontakt mit den Einheimischen.

INTEGRATIONSKONFERENZ

100 Lörracher diskutieren über Integration in ihrer Stadt

Was läuft gut in Lörrach, was nicht? Das fragten sich 100 Teilnehmer der Integrationskonferenz. Migranten und “Biodeutsche” diskutierten über Angebote – und wie diese ihr Ziel erreichen können.

  1. Im großen Sitzungssaal des Rathauses tagte die Integrationskonferenz.Foto: Julia Dreier

Diskutiert wird am Freitagnachmittag nahezu vier Stunden lang, und das zunächst in zwei Teams: Eines besteht aus Teilnehmern mit Migrationshintergrund, das andere aus “Biodeutschen”, wie Bülent Arslan es unter Gelächter der Anwesenden ausdrückt: “Oder wie Sie sich halt selbst definieren.” Arslan ist Geschäftsführer des imap-Instituts und damit der Leiter der Integrationskonferenz. Das Institut für interkulturelle Management- und Politikberatung (imap) war schon im Vorfeld damit betraut, Lörracher zu befragen, die in der Migrationsarbeit aktiv sind. Aus 15 Interviews haben sich die Handlungsfelder herauskristallisiert, um die es nun hier im Rathaus gehen soll. “Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Trennung am Anfang hilft, unterschiedliche Perspektive zu zeigen. Und vor allem die Migranten verlieren so die Hemmungen.” Nach der ersten Runde werden beide Gruppen wieder durcheinandergewürfelt und sprechen nun über mögliche konkrete Maßnahmen, vor allem in folgenden Themenbereichen:

Interkulturelle Öffnung

Schnell wird in der Diskussion klar, dass das vielen Teilnehmern, die nicht zu den “Biodeutschen” zählen, fehlt: Mehr Menschen mit Migrationshintergrund sollen in der Verwaltung oder Einrichtungen wie der Polizei arbeiten. Dadurch käme ein Kontakt leichter zustande – und sei’s nur über die Sprache, die viele Behördengänge anfangs erschwer

Interkulturelle Begegnung
Viele der anwesenden Migranten wünschen sich vor allem eines: Die Begegnung, den sozialen Kontakt mit den Einheimischen. Da werde zwar bereits vieles angeboten, wie der Frauentreff, VHS-Kurse oder das Sommerfest. Mehr Veranstaltungsräume würden helfen solche Feste öfter und auch in kleinerem Rahmen zu veranstalten. Tecla Gravino vom italienischen Verein meint außerdem, die deutschen und die ausländischen Institutionen müssten zusammenarbeiten, um auch Personen zu erreichen, die sonst lieber daheim bleiben: “Wie zum Beispiel die italienischen Mamas. Die haben ein großes Pflichtgefühl, kümmern sich um den Haushalt, die Kinder, und gehen abends noch arbeiten, zum Beispiel als Putzfrau.” Dann habe manche weder Zeit noch Lust, aus dem Haus zu gehen. Aber auch diese müsste man versuchen zu erreichen und zu motivieren, rauszukommen und Kontakte zu knüpfen.

Senioren

Raum, den wünschen sich auch die Senioren, vor allem eine Gruppe älterer Italiener. Einen Ort, an dem sie sich treffen können, außer auf dem Marktplatz. Oder aber Angebote, seien’s Sprachkurse oder Seniorentreffs, denn die kämen für Senioren zu kurz, da sind sich alle Teilnehmer einig.

Bildung und Sprachförderung

Das sei eine der wichtigsten Säulen, meint Arslan. Dort laufe in Lörrach zwar auch am meisten ab, gerade in der Sprachförderung. Doch es sei immer noch ausbaufähig, gerade in der Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe für Kinder und Jugendliche, merken Teilnehmer an. Außerdem werden Ansätze deutlich, die manche so noch nicht bedacht hatten: Der Dialekt bereite manchem Migranten Probleme. “Da hat man dann die Sprache gelernt, aber verzweifelt dann am Dialekt”, berichtet ein älterer Herr. Angebote gebe es ansonsten reichlich, allerdings müssten die auch die Zielpersonen erreichen. Womit der nächste Punkt angesprochen ist.

Transparenz und Vernetzung

Es müsse deutlich werden, wo was für wen angeboten werde. Vieles verkümmere an der mangelnden Kommunikation. So fordern Teilnehmer dann auch eine Homepage, auf der sich Menschen mit und ohne Migrationshintergrund vernetzen können. “Denn so läuft es doch heute auch bei den Jugendlichen: Die vernetzen sich alle über dasInternet“, meint eine Teilnehmerin. Die Jugend als Vorbild also.

“Mein Großvater konnte nicht auf Google Maps gucken, ob’s dort schön ist, als er nach Gelsenkirchen gekommen ist.”Bülent Arslan

Der Nachwuchs sei ein wichtiges Thema, das macht Arslan deutlich. Verschiedene demographische Trends seien absehbar, oder aber in vollem Gange: “Die Lebenswirklichkeit hat sich verändert: Jedes dritte Kind unter fünf Jahren in Deutschland hat ausländische Wurzeln. Klar, gibt es Menschen, die zum Beispiel sagen: Mensch, Lörrach habe ich aus meiner Kindheit ganz anders in Erinnerung. Aber das gleiche gilt ja für die Migranten.” Der Trend gehe zur internationalen Mobilität und das sei positiv. So gebe es schlichtweg zu wenige Kinder, wodurch bald eine riesige Lücke auf dem Arbeitsmarkt entstünde. “Mein Großvater hat, als er nach Gelsenkirchen gekommen, ist nicht auf Google Maps schauen können, ob’s dort schön ist. Für ihn zählte: Dort gibt’s Arbeit.” Heute herrsche Fach- und Arbeitskräftemangel. “Aber die suchen eine Stadt danach aus, wie der Wohnungsmarkt, die Bildungsinstitutionen dort ist, und welche städtische Atmosphäre dort herrscht.” Um diese Kräfte aktiv anzuwerben, müsse auch für gute Bedingungen gesorgt werden.

Wie geht’s weiter?

So bleibt nach vier langen Stunden voller ausgiebiger Diskussionen die Frage: Wie geht es weiter?

Isabella Krieg, Leiterin des Fachbereichs Bürgerdienste, erklärt: “Im Februar gibt es zwei weitere Workshops zu spezifischeren Themen, die die Teilnehmer festgelegt haben. Für konkrete Folgemaßnahmen sind im Haushalt 2014 10000 Euro beantragt.” Außerdem weitere 10 000 Euro beim Integrationsministerium. Im März folgt dann eine Klausurtagung mit der Internationalen Kommission. Konkrete Maßnahmen werden dann festgelegt. Sehr zufrieden sei er mit Konferenz und den zahlreichen Teilnehmern, meint auch Bürgermeister Michael Wilke. Eine Mitarbeit gerade auch in der Internationalen Kommission sei erwünscht und willkommen. “Wir müssen miteinander in Kontakt kommen. Es geht wahrscheinlich noch manchen Lörrachern wie mir. Fast 50 Jahre meines Lebens habe ich keinen Fuß in eine Moschee gesetzt, trotz des Tags der offenen Moschee. Bis ich dazu eingeladen wurde.”

http://www.badische-zeitung.de/loerrach/100-loerracher-diskutieren-ueber-integration-in-ihrer-stadt–77009479.html

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