16jährige Wiener Schülerin wendet sich an Europa: Wo seid Ihr, Menschen? Volle Kraft voraus mag zwar in der Wirtschaft zielführend sein, in der Gemeinschaft sollte man aber doch hie und da einen Blick zurück ins Wasser werfen. Vielleicht erkennen sie etwas im kalten Wasser. Einen Namenlosen. Einen, der Geschichte hätte schreiben können. Wenn er 138 Kilometer weiter nördlich geboren wäre (statt in Nordafrika, im Nahen Osten oder Afrika im italienischen Lampedusa).

Lampedusa: 138 Kilometer entscheiden alles

LESERKOMMENTAR | TINA ZEINLINGER

11. November 2013, 10:41

Eine Schülerin über ihre Ansichten zur europäischen Flüchtlingspolitik

138. 138 Kilometer sind es, die Sie vor Bürgerkriegen, Monokratie, Tyrannei und Terror schützen. 138 Kilometer, die Sie von brutalen, gewaltbereuten Regimes trennen, die mit „eiserner” Hand ihre Völker entrechten und entmachten. Wären Sie 138 Kilometer weiter südlich geboren, müssten Sie in ständiger Angst leben. Müssten in Angst leben, jederzeit grundlos verhaftet zu werden, in Angst davor leben, Ziel eines Militärschlags zu werden und Sie müssten jederzeit darauf gefasst sein, dass die Stadt in der Sie leben – Ihr zuhause – der Ort, an dem Sie Ihre Existenz aufgebaut haben – vom Militär umzingelt und beschossen wird. Sie müssten fliehen. Und alles zurücklassen. Alles.

138 Kilometer weiter südlich und Sie würden gerade protestierend auf der Straße Ihr Leben riskieren, würden sich gerade jetzt in diesem Moment, zusammengekauert in den Trümmern Ihres eigenen Hauses vor erneuten Anschlägen verstecken; würden Zeuge, wenn nicht sogar vielleicht Opfer einer Entführung oder Vergewaltigung werden. Sie würden verfolgt werden. Oder Sie wären vielleicht – nein, was heißt vielleicht – ziemlich sicher, tot. Tot wie zwei Millionen andere. Ein Toter unter vielen.

138 Kilometer sind es, die verzweifelte Flüchtlinge über den Seeweg zurücklegen müssen, um vom nördlichsten Punkt Tunesiens die Küste der Insel Lampedusa zu erreichen. Das ist genau jene Distanz, die es zurückzulegen gilt, wenn man die Hoffnung nicht aufgibt und bis zuletzt auf ein geordnetes, sicheres Leben in Freiheit hofft, auch wenn man dafür alles zurücklassen muss. Sein Haus, seine Frau, seine Kinder.

Denn das Ziel, das es zu erreichen gilt, ist vielversprechend: das wohlhabende Europa, in dem es soziale Gerechtigkeit, ein Rechtssystem und Zukunftschancen geben soll. Doch das wohlhabende Europa schaut weg. Schaut weg, wenn vor den Toren der europäischen Union Menschen ums Leben kommen. War die EU nicht das Symbol für Vollkommenheit, Zusammenschluss und Gemeinschaft? Für das reiche Europa ist Lampedusa aber wohl eher ein Armutszeugnis.

“Das Boot ist voll”, heißt es immer wieder. “Es gibt zu viele Menschen”, sagen Sie, doch die Flüchtlinge würden Ihnen sagen: “Es gibt zu wenige Menschen.” Wo ist unsere europäische Menschlichkeit? Unsere Vorstellung von Werten? Unsere hoch angepriesene Nächstenliebe? Unser Sozialstaat? Sie bringen Ihren Kindern bei zu grüßen, den Nachbarn die Hand zu reichen. Also reichen auch Sie unseren Nachbarn die Hand, scheuen Sie sich nicht vor der Begrüßung.

Ich sehe Missmut in Ihren Blicken. Haben Sie Angst? Angst davor, radikal-fundamentalistische Terroristen aufzunehmen? Fürchten Sie sich davor, dass Terrorismus in unser scheinbar so “geordnetes Leben Einzug hält? Haben Sie Angst davor, “zwangsislamisiert” zu werden? Oder Angst davor, dass Ihnen ein analphabetischer Flüchtling Ihren gutbezahlten Job in der Bank wegnimmt? Ja das haben Sie. Sie haben Angst vor unterernährten Kindern, vor ausgelaugten Männern, vor Kriegsinvaliden. Ja! Die, die im Flüchtlingslager auf Lampedusa zu viert auf einer Matratze schlafen und hinter Stacheldrahtzäunen stehen, das sind wahre Terroristen! Radikale Islamisten! Sie alle sind nach Europa gekommen, um uns zu vernichten, unsere Ordnung durcheinander zu bringen und die Demokratie in Frage zu stellen.

Sie alle waren zufrieden mit Ihren Regierungen. Es war ihnen gleichgültig, über kein politisches Mitspracherecht zu verfügen; sie waren damit einverstanden, zielorientiert verfolgt zu werden und keine Bildungschancen zu haben. Es war ihnen egal, dass Sie angeschossen wurden mit Maschinengewehren und Raketen. Sie haben es akzeptiert, mit Giftgas wie Ungeziefer bekämpft zu werden. Denn sie haben ja darauf bestanden, in einem solchem System die Welt zu erblicken.

Außerdem kümmerte es sie nicht, dass heute Morgen wieder 200 Menschen vor der Küste Lampedusas ums Leben kamen. Was sind schon 200? Zahlen sind so schwer greifbar, für jeden bedeuten sie etwas anderes. Es ist Ansichtssache. Reine Ansichtssache.

Genau wie bei 138. 138 Kilometer haben für jeden einen anderen Wert. Für den reichen europäischen Geschäftsmann bedeuten 138 Kilometer ein Flug von 45 Minuten im klimatisierten Privatjet mit Champagnerfrühstück. Für den Tunesier, Syrier, Ägypter, Libanesen und Jordanier bedeuten 138 Kilometer eine oft tagelange Überfahrt, die zum Höllentrip wird. Ein Spiel zwischen Leben und Tod, bei dem der Tod aber weit bessere Chancen hat. Gute Chancen hat auch unser europäisches Traumschiff, in der stürmischen See des arabischen Frühlings nicht unterzugehen. Dennoch sollten Sie meine Damen und Herren – als Besatzung dieses Schiffes – mehr als nur “heißen Dampf” ablassen. Volle Kraft voraus mag zwar in der Wirtschaft zielführend sein, in der Gemeinschaft sollte man aber doch hie und da einen Blick zurück ins Wasser werfen. Vielleicht erkennen sie etwas im kalten Wasser.

Einen Namenlosen. Einen, der Geschichte hätte schreiben können. Wenn er 138 Kilometer weiter nördlich geboren wäre. (Leserkommentar, Tina Zeinlinger, derStandard.at, 8.11.2013)

Tina Zeinlinger (16) ist Schülerin und lebt in Wien.

http://derstandard.at/1381371156120/Lampedusa-138-Kilometer-entscheiden-alles

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