Caritas: In einem gemeinsamen Europa liegt Lampedusa auch an den Grenzen Österreichs. Dass dort in 25 Jahren 20.000 Menschen ertrunken sind, ist ein ungeheures Drama, vor dem die österreichische Bundesregierung nicht die Augen verschließen darf. Unser Platz ist an der Seite der Flüchtlinge ist. Auch wenn es manchmal unbequem ist und wir nicht alle Forderungen teilen. Es ist bemerkenswert, dass zum ersten Mal Menschen auf der Flucht ihre eigenen Anliegen auch politisch artikulieren. Das Recht, für sich selbst zu sprechen, das halte ich für einen wichtigen Entwicklungsschritt. Die Flüchtlinge haben den Finger hier in real existierende Wunden gelegt. Wenn Menschen über Jahre hinweg gezwungen sind, nichts zu tun, wenn sie nicht arbeiten dürfen, dann ist das desaströs für die Psyche eines Menschen. Dort wo Ungerechtigkeit geschieht, dürfen Christen nicht schweigen. Es kann doch nicht sein, dass im Bereich des Sozialen eingespart wird. In einer Situation, wo für eine Kärntner Pleitebank Milliarden praktisch über Nacht zur Verfügung stehen. Wenn durch Gier und Geiz und Fehler der Politik Schaden entstanden ist, dann ist das eine Ungerechtigkeit, die benannt gehört. Unser Auftrag ist nicht, Unrecht mit Weihrauch zu beduften, sondern es öffentlich als Unrecht zu benennen. “Christus hat die Kirche nicht zum Jasagen gestiftet, sondern als Zeichen des Widerspruchs.” Auch das Konzil ist hier ganz klar: Man darf nicht als Liebesgabe anbieten, was schon der Gerechtigkeit geschuldet ist. Man muss die Ursachen des Übels bekämpfen und nicht nur Symptome.

“Unser Platz ist an der Seite der Flüchtlinge”

INTERVIEW | JUTTA BERGER
13. November 2013, 18:12
  • Der neue Caritas-Präsident Michael Landau fordert einen Umkehrschub in der Entwicklungszusammenarbeit.
    foto: apa/dietmar stiplovsek

    Der neue Caritas-Präsident Michael Landau fordert einen Umkehrschub in der Entwicklungszusammenarbeit.

Michael Landau fordert eine Mindestsicherung für Kinder und mehr Rechte für Asylwerber

STANDARD: Ihr Vorgänger Franz Küberl war der erste Laie als Caritas-Präsident. Mit Ihnen ist wieder ein Geistlicher an der Spitze. Wird das einen Unterschied machen?

Landau: Nein. Das macht keinen Unterschied. Caritas heißt Nächstenliebe ohne Wenn und Aber. Da sind wir alle gleich – Priester und Laien, Frauen und Männer. Unsere Linie war und ist sehr klar: Armut bekämpfen, nicht die Armen. Das werden wir auch weiter machen. Papst Franziskus zeigt ja, dass das der Weg der Kirche insgesamt ist. Die Kirche gehört an die Seite der Armen.

STANDARD: Wie selbstständig sind Sie in Ihrer Arbeit, wie sehr müssen Sie als Geistlicher auf die Meinung des Kardinals Rücksicht nehmen?

Landau: Wenn Sie die vergangenen 18 Jahre ansehen, haben Sie eine Antwort darauf. Wir haben ganz klar das getan, von dem wir glauben, dass es in Hinblick auf die Armen und aus den Erfordernissen der Gerechtigkeit zu tun ist.

STANDARD: Was sind Ihre wichtigsten Anliegen?

Landau: Ich gehe die neue Aufgabe mit Freude, Energie und Dankbarkeit gegenüber Franz Küberl an. Es geht darum, die Dinge fortzusetzen. Der Kernauftrag lautet, Not zu erkennen und entsprechend zu handeln. Es ist unsere Aufgabe, mit Beharrlichkeit auf Unrecht hinzuweisen.

STANDARD: Sie scheuen sich also nicht vor Auseinandersetzungen?

Landau: Ich erinnere mich an die Auseinandersetzung mit dem damaligen Innenminister Ernst Strasser bei der Einführung der Grundversorgung für Flüchtlinge. Damals hatten wir die Flüchtlinge, die vom Bundesminister im Winter unversorgt auf die Straße gestellt worden sind, in Wien in der Konzilsgedächtniskirche untergebracht. Das war eine relativ scharfe Auseinandersetzung.

Franz Küberl hat, wenn es notwendig war, diese Auseinandersetzung geführt. Ich habe hier auch vor Augen, was Leopold Ungar (langjähriger Leiter der Caritas der Erzdiözese Wien, 1992 verstorben; Anm. d. Red.) gesagt hat: “Christus hat die Kirche nicht zum Jasagen gestiftet, sondern als Zeichen des Widerspruchs.” Auch das Konzil ist hier ganz klar: Man darf nicht als Liebesgabe anbieten, was schon der Gerechtigkeit geschuldet ist. Man muss die Ursachen des Übels bekämpfen und nicht nur Symptome.

STANDARD: Werden Sie sich in die Tagespolitik einschalten?

Landau: So wie Leopold Ungar, Helmut Schüller (ehemaliger Caritas-Präsident, heute Pfarrer in Probstdorf; Anm. d. Red.) und Franz Küberl habe auch ich vor, zu den Dingen, welche die Armen betreffen, Stellung zu nehmen. Dort wo Ungerechtigkeit geschieht, dürfen Christen nicht schweigen. Es kann doch nicht sein, dass im Bereich des Sozialen eingespart wird. In einer Situation, wo für eine Kärntner Pleitebank Milliarden praktisch über Nacht zur Verfügung stehen.

Es kann nicht sein, dass dann anschließend eine Neiddebatte bei den Ärmsten vom Zaun gebrochen wird. Wer von sozialen Hängematten redet, hat von der Wirklichkeit der Betroffenen keine Ahnung. Wenn durch Gier und Geiz und Fehler der Politik Schaden entstanden ist, dann ist das eine Ungerechtigkeit, die benannt gehört. Unser Auftrag ist nicht, Unrecht mit Weihrauch zu beduften, sondern es öffentlich als Unrecht zu benennen.

STANDARD: Was soll die nächste Bundesregierung aus Sicht der Caritas ändern?

Landau: Will man den Sozialstaat armutsfest und zukunftsfähig ausgestalten, gehört die Mindestsicherung evaluiert und weiterentwickelt. Es wird vor allem auch um die Mindestsicherung für Kinder gehen. Ich glaube, Österreich braucht in der bilateralen Entwicklungszusammenarbeit einen Umkehrschub. Wir dürfen nicht länger bei den Schwächsten sparen. In einem gemeinsamen Europa liegt Lampedusa auch an den Grenzen Österreichs. Dass dort in 25 Jahren 20.000 Menschen ertrunken sind, ist ein ungeheures Drama, vor dem die österreichische Bundesregierung nicht die Augen verschließen darf.

STANDARD Die Armen sind nicht mehr still. Sie protestieren. Flüchtlinge fordern ihre Rechte ein. Werden Sie sich mit diesen Menschen solidarisieren?

Landau: Sowohl der Kardinal als auch ich haben sehr klar gesagt, dass unser Platz an der Seite der Flüchtlinge ist. Auch wenn es manchmal unbequem ist und wir nicht alle Forderungen teilen. Es ist bemerkenswert, dass zum ersten Mal Menschen auf der Flucht ihre eigenen Anliegen auch politisch artikulieren.

STANDARD: Das stellt die Caritas aber vor neue Herausforderungen.

Landau: Damit umzugehen, das müssen wir als Caritas noch lernen, aber auch als Gesellschaft insgesamt. Das Recht, für sich selbst zu sprechen, das halte ich für einen wichtigen Entwicklungsschritt. Die Flüchtlinge haben den Finger hier in real existierende Wunden gelegt. Wenn Menschen über Jahre hinweg gezwungen sind, nichts zu tun, wenn sie nicht arbeiten dürfen, dann ist das desaströs für die Psyche eines Menschen.

STANDARD: Flüchtlinge sollen endlich das Recht auf Arbeit bekommen?

Landau: Den Menschen wenigstens nach sechs Monaten die Möglichkeit zu geben, für sich selbst zu sorgen, das halte ich für ein Gebot der Menschlichkeit. (Jutta Berger, DER STANDARD, 14.11.2013)


Zur Person:

Michael Landau (53) ist promovierter Biochemiker und Theologe und stammt aus einer jüdisch-christlichen Familie. Er trat erst als Student der katholischen Kirche bei. 1995 übernahm er von Helmut Schüller die Leitung der Caritas Wien. Am 13. November wurde er in Zwischenwasser in Vorarlberg zum Präsidenten der Caritas Österreich gewählt. Landau folgt auf Franz Küberl, der diese Position 18 Jahre lang innehatte.

http://derstandard.at/1381371930541/Unser-Platz-ist-an-der-Seite-der-Fluechtlinge

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