Pro Asyl: Frankfurt ist nicht nur ein wichtiger Zielort für Flüchtlinge. Es ist auch die deutsche Hauptstadt der Abschiebung: Im vergangenen Jahr waren es auf dem Frankfurter Flughafen 2753 Personen.

FRANKFURT FLÜCHTLINGE
Die Not der Flüchtlinge

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Seit Jahrzehnten kämpfen sie für Flüchtlinge: Bernd Mesovic (links) und Karl Kopp. Foto: Christoph Boeckheler

Im Büro von Pro Asyl in Frankfurt setzen sich Menschen für Flüchtlinge ein. Die Menschenrechtsorganisation hat ihre Bundeszentrale im Bahnhofsviertel. Viele der Menschen, die die Mitarbeiter dort betreuen, sind schwer traumatisiert.

FRANKFURT. –

Hell und lichtdurchflutet sind die Räume, durch die Bernd Mesovic den Besucher führt. Der 1,99-Meter-Mann spricht ruhig, beherrscht, wirkt wie der sprichwörtliche Fels in der Brandung. Und doch muss er manchmal um seine Beherrschung kämpfen. „Ab und an würde ich am liebsten schreien“, sagt der 58-Jährige, „doch ich muss Kreide fressen.“ Seit Jahrzehnten setzt er sich für Flüchtlinge ein, heute als stellvertretender Geschäftsführer von Pro Asyl.

Die Menschenrechtsorganisation mit ihrer Bundeszentrale im Frankfurter Bahnhofsviertel ist derzeit gefordert wie lange nicht. Immer mehr Menschen suchen in Deutschland Schutz vor Krieg und Verfolgung. „Wir werden in diesem Jahr mehr als 100.000 Asylbewerber haben“, sagt Mesovic knapp – seit 2007, als es weniger als 20.000 waren, steigt ihre Zahl kontinuierlich an. Und das sind nur die Menschen, von denen die Behörden wissen. Viele andere schlagen sich aus Afrika, aus Syrien, Afghanistan, Südosteuropa nach Deutschland, nach Frankfurt durch, ohne irgendwo registriert zu werden. „Es gibt eine Dunkelziffer“, sagt Mesovic knapp, er sitzt jetzt hinter seinem mit Papieren, Akten, Briefen überfluteten Schreibtisch.

Frankfurt ist das Ziel vieler Flüchtlinge, der Name der Stadt besitzt einen ganz besonderen Klang auch in den Kriegsgebieten und Krisenherden, die Tausende von Kilometern entfernt liegen. Natürlich spielt die zentrale Lage mit dem größten Flughafen Kontinentaleuropas eine Rolle. Aber da ist noch etwas anderes. „Frankfurt hat eine Tradition in der Aufnahme von Flüchtlingen“, sagt Karl Kopp, der Mann mit dem grauen Pferdeschwanz, der inzwischen den Raum betreten hat. Seit 22 Jahren arbeitet er als Europareferent von Pro Asyl.

Wie viele Flüchtlinge es tatsächlich bis nach Frankfurt geschafft haben, weiß niemand. Offiziell soll die Stadt bis Jahresende 412 Menschen aufnehmen – das sind aber nur die, die vom Regierungspräsidium Darmstadt der Kommune zugewiesen werden. Es ist nur ein kleiner Teil der Wahrheit.

Kopp weiß aber, woher die Menschen kommen, die Deutschland erreichen. Das Wort von den Lampedusa-Flüchtlingen führt dabei etwas in die Irre. Lampedusa ist kein afrikanischer Staat, der die Liste der Herkunftsländer anführt. „Wer sitzt auf den Booten?“, sagt Kopp: „Die Reihenfolge ist Syrien, Eritrea, Somalia.“

An der Wand hängt das Plakat einer Ausstellung mit dem irreführenden Titel „Punk!“. Es zeigt ein Gemälde des flämischen Meisters Adriaen Brouwer aus dem Städel-Museum mit dem Titel „Der bittere Trank“: Ein Mann verzieht angeekelt und wütend das Gesicht. „Wenn ich mich zusammennehmen muss, ist das meine Haltung“, sagt Mesovic und grinst.

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Er weiß nicht mehr, wie oft er sich schon mit Politikern, Behördenvertretern, Staatsanwälten angelegt hat. Gerade jetzt aber steht er, selten genug, „voll auf der Seite der Frankfurter Sozialdezernentin“. Daniela Birkenfeld (CDU) kämpft mit dem Land um mehr Geld für die Flüchtlingsbetreuung. 515 Euro pro Kopf und Monat bekommt die Kommune von der Landesregierung, mindestens 125 Euro mehr wären eigentlich nötig, um die Kosten zu decken.

Mesovic schätzt: „Jeder zweite Flüchtling wird am Ende bleiben dürfen.“ Deshalb hält er es für falsch und „sehr problematisch“, jetzt an verschiedenen Stellen in Frankfurt Container für die Menschen aufzubauen. „Solche Provisorien sind unzumutbar, sie verstetigen sich, man wird sie nicht mehr los.“

Gegen Großlager oder größere Heime

Pro Asyl fordert statt dessen, „die Lebensverhältnisse von Asylsuchenden zu normalisieren“. Das heißt: Unterbringung von Anfang an in gut ausgestatteten Wohnungen. „Es wäre eine ehrenvolle Aufgabe für Architekten, dafür Ideen und flexible Formen zu entwickeln“, sagt Mesovic. Er weiß: Das ist noch eine Illusion. Statt dessen will die Kommune jetzt auch wieder Hotelzimmer anmieten.

„Auf keinen Fall dürfen Groß-Lager oder größere Heime entstehen“, fordert der Fachmann. Denn die, so fürchtet er, könnten „Ziel von Angriffen und Protesten“ werden, wie es unlängst gerade in Berlin geschehen ist.

Und dann die Sache mit dem Arbeitsverbot. Noch immer dürfen Asylbewerber in den ersten neun Monaten, in denen sie in Deutschland leben, keine Arbeit aufnehmen. „Dieses Arbeitsverbot müsste fallen.“

Und schließlich die psychosoziale Betreuung der Menschen, die aus blutigen Kriegen hierher kommen. „Viele von ihnen sind schwerst traumatisiert, haben Vergewaltigung und Tod erlebt“, sagt Europareferent Karl Kopp: „Aber es fehlt an medizinischer Betreuung.“ Etwa 30 bis 40 Prozent der Flüchtlinge litten an posttraumatischen Störungen. Mesovic brummt von der Seite: „Bei der medizinischen Hilfe ist Deutschland wie ein Entwicklungsland.“

Von den Büros im Frankfurter Bahnhofsviertel aus versucht Pro Asyl das zu ändern. Mit viel Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit – vor kurzem ist der neue Bericht „über die völkerrechtswidrige Zurückweisung syrischer Flüchtlinge“ an den Außengrenzen der Europäischen Gemeinschaft (EU) erschienen. Es sind gerade einmal 25 Fachleute, die in der Deutschlandzentrale arbeiten, dazu kommen einige Studierende und Teilzeitkräfte.

Aber Bernd Mesovic und Karl Kopp, die beiden Freunde, die seit Jahrzehnten Seite an Seite arbeiten, sind optimistisch. „Es gibt in Deutschland eine neue Generation von jungen Menschen, die für die Probleme von Flucht und Vertreibung aufgeschlossen ist“, sagt Kopp. Mesovic schimpft auf das von Politikern so gerne benutzte Wort „Armutswanderung“. Es besitze „so etwas Generöses – ohne aber wirklich hingucken zu wollen“. Armutswanderung: „Das ist ein verschleierndes Wort.“

Mesovic und Kopp sind stolz darauf, dass sich Pro Asyl ohne staatliche Hilfe trägt – dank vieler Spenden und mehr als 16.000 Fördermitgliedern. „Das gibt uns Unabhängigkeit, und die ist ein Privileg.“

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