Die unfassbare Tragödie der Yusifs: Wo sind unsere Kinder? Das Ehepaar Yusif verlor vor Lampedusa seine Mädchen aus den Augen – die Hoffnung gibt es nicht auf«Wenn ich nur eine meiner Töchter in die Arme schliessen könnte!» Auf der Flucht nach Europa überlebten Hashish Yusif und ihr Mann Wahid einen Schiffbruch. Vom Asylheim in Buch SH suchen sie jetzt nach ihren Töchtern.

Das Ehepaar Yusif verlor vor Lampedusa seine Mädchen aus den Augen – die Hoffnung gibt es nicht auf«Wenn ich nur eine meiner Töchter in die Arme schliessen könnte!»

Auf der Flucht nach Europa überlebten Hashish Yusif und ihr Mann Wahid einen Schiffbruch. Vom Asylheim in Buch SH suchen sie jetzt nach ihren Töchtern.

  • Hashish Yusif und ihr Mann Wahid suchen verzweifelt nach ihren Töchtern.  Daniel Ammann
  • Hashish Yusif und ihr Mann Wahid suchen verzweifelt nach ihren Töchtern.

Wahid Yusif, wenige Minuten nach der Rettung

Am 11. Oktober drehte die malte­sische Marine ein Video von der Rettung Dutzender verunglückter Flüchtlinge im Mittelmeer. Aus diesem Dokument stammt das Bild links: Es zeigt Wahid Yusif neben einer fremden Frau mit Baby.

Yusif ist einer von immer mehr Flüchtlingen, die jedes Jahr auf überfüllten Schlepperbooten aus Afrika und dem Nahen Osten in Richtung Europa fliehen. Erste Anlaufstelle ist oft die italienische Insel Lampedusa, sie liegt nahe bei Afrika. Viele überleben die Passage nicht. Eine Woche vor dem Schiffbruch der Familie Yusif ertranken vor Lampedusa mehr als 300 Flüchtlinge aus Afrika.

Laut Schätzungen der Uno überquerten allein 2013 rund 35 000 Bootsflüchtlinge das Mittelmeer. Für Hunderte führte die riskante Reise in den Tod.

Seit Tagen hat Hashish Yusif (31) kein Wort mehr gesprochen. Ihre Augen sind glasig, der Blick geht ins Leere. Apathisch sitzt sie im Aufenthaltsraum des Asyl-Durchgangszentrums Buch SH, vor sich das Bild ihrer vier Töchter Randa (10), Sheihan (8), Nurhan (6) und Kristina (2).

Nur Vater Wahid (51) redet. Er erzählt, wie er mit seiner Familie am Abend des 10. Oktober an der libyschen Küste ein Flüchlingsschiff bestieg, mit Ziel Europa. Es ist das Schiff, das am Nachmittag des nächsten Tages um 16.30 Uhr rund 100 Kilometer vor der ita­lienischen Insel Lampedusa bei schwerer See kentert und sinkt.

Weltweit berichten die Medien über das Unglück, bei dem rund 50 Menschen sterben – die meisten von ihnen Frauen und Kinder.

Es ist eines der unzähligen Dramen, die sich vor Lampedusa abspielen. Mit den Yusifs, Flüchtlingen aus Syrien, hat die Tragödie die Schweiz erreicht.

Seit dem Bootsunglück gelten ihre Töchter als vermisst. «Für die kleine Kristina machen wir uns keine Hoffnungen mehr», sagt der Vater unter Tränen, «aber wir beten jeden Tag dafür, dass eine ihrer Schwestern noch lebt.»

Wahid Yusif ist Lungenspezialist. 1992 verliess er seine Heimatstadt Aleppo, um in Russland Medizin zu studieren. Bis 1998 arbeitete er in St. Petersburg, dann in Libyen, wo Ärzte aus Russland gutes Geld verdienten. «Ich arbeitete dort 15 Jahre, zuletzt als Verantwortlicher für mehrere Spitäler.» Bis zum SturzMuammar al-Gaddafis. Danach sei das Land für Syrer lebensgefährlich gewesen, weil Syriens Diktator Assad seinen Kollegen Gaddafi unterstützt hatte.

Die Familie stand vor der Wahl: unter Lebensgefahr in Libyen bleiben oder Schlepper für die Reise nach Europa bezahlen. Nach Syrien konnten sie nicht. Dort herrscht Bürgerkrieg.

Am 10. Oktober besteigen die Yusifs im Hafen von Zuwara das Unglücksboot. 1200 Dollar kostet die Fahrt für Erwachsene, 500 Dollar pro Kind. «Alle an Bord waren Syrer oder Palästinenser, viele Ärzte mit ihren Familien», sagt Yusif. «Das Boot war völlig überladen, Gepäck nicht erlaubt. Also habe ich mein ganzes Vermögen, 23 000 Dollar, auf den Körper geklebt.»

Das Ehepaar gibt die Hoffnung nicht auf

Lange geht die Fahrt gut. Doch dann dringt Wasser ins Schiff. Yusif: «Nach etwa acht Stunden stiegen die Pumpen aus. Das Wasser stieg immer höher!» Der tunesische Kapitän sendete SOS-Signale. Panik bricht aus. «Alle rannten auf eine Seite, um ein Militärflugzeug auf uns aufmerksam zu machen. Da kenterte das Boot.» Seine Familie verliert er  aus den Augen. «Ich trieb etwa zwei Stunden im Wasser», so der Nichtschwimmer. Eine Leiche rettet ihm das Leben: «Neben mir trieb eine alte Frau im Wasser. Sie trug eine Schwimmweste, war aber tot.»

«An ihr hielt ich mich fest.» Ein maltesisches Kriegsschiff greift Wahid Yusif auf, seine Frau Ha­shish landet in einem Aufnahmezentrum auf Sizilien. Von den Mädchen fehlt jede Spur. Drei Tage dauert es, bis die Eheleute über Mitflüchtlinge voneinander erfahren, dass sie noch leben. Hashish bleibt kaum Zeit, nach den Kindern zu suchen. «Man sagte ihr auf Sizilien, sie habe drei Tage, um in die Schweiz zu gehen», sagt er. Erneut nimmt sie die Hilfe von Schleppern in Anspruch und macht sich auf den Weg in Richtung Schweiz. Am 22. Oktober wird sie als Asylbe­werberin registriert. Vater Wahid bleibt drei weitere Wochen auf Malta, vergeblich fahndet er nach seinen Töchtern. Am 3. November schliesslich folgt er seiner Frau in die Schweiz.

Jetzt sitzen die beiden im Weiler Buch SH nahe der deutschen Grenze, als Asylbewerber. Ihre Chancen, tatsächlich als politische Flüchtlinge anerkannt zu werden, stehen schlecht. Aber das ist im Augenblick die geringste Sorge der Yusifs. Sie klammern sich an jeden Strohhalm. Zuletzt erhielten sie am Telefon die Nachricht eines Bekannten, der mit auf dem Unglücksboot war: Zwei der Töchter könnten noch leben. Vorletzte Woche schickte der Mann ein Foto, das er in einer italienischen Zeitung gefunden hatte. Zwei Mädchen sind darauf zu sehen. Von hinten, also nicht zu erkennen. In seiner Verzweiflung findet das Ehepaar kaum noch Schlaf.

Weder der Personensuchdienst des Roten Kreuzes noch die italienischen Behörden konnten bisher helfen. «Diese Ungewissheit ist unerträglich.»

Das Ehepaar gibt die Hoffnung nicht auf: «Wenn wir bloss eines unserer Mädchen wieder in die Arme schliessen könnten. Oder wenigstens Gewissheit hätten, dass alle tot sind …» Dann ver­sagt dem Arzt die Stimme. Er nimmt seine weinende Frau in die Arme. Beide beginnen leise zu beten.

http://www.blick.ch/news/ausland/wenn-ich-nur-eine-meiner-toechter-in-die-arme-schliessen-koennte-id2546132.html

Wahid Yusif, wenige Minuten nach der Rettung

Am 11. Oktober drehte die malte­sische Marine ein Video von der Rettung Dutzender verunglückter Flüchtlinge im Mittelmeer. Aus diesem Dokument stammt das Bild links: Es zeigt Wahid Yusif neben einer fremden Frau mit Baby.

Yusif ist einer von immer mehr Flüchtlingen, die jedes Jahr auf überfüllten Schlepperbooten aus Afrika und dem Nahen Osten in Richtung Europa fliehen. Erste Anlaufstelle ist oft die italienische Insel Lampedusa, sie liegt nahe bei Afrika. Viele überleben die Passage nicht. Eine Woche vor dem Schiffbruch der Familie Yusif ertranken vor Lampedusa mehr als 300 Flüchtlinge aus Afrika.

Laut Schätzungen der Uno überquerten allein 2013 rund 35 000 Bootsflüchtlinge das Mittelmeer. Für Hunderte führte die riskante Reise in den Tod.

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