Saudi-Arabien, Katar und Kuweit bewaffnen und finanzieren die Assad-Gegner – Mehr als zweieinhalb Jahre nach Beginn der Revolution wächst der Druck auf die Oppositionsmilizen, ein islamischeres Profil zu zeigen. Nur so kann das Geld für die Waffen und den Sold der Kämpfer aus Quellen in Qatar, Kuweit und Saudi-Arabien gesichert werden.

SyrienDer Krieg im Bürgerkrieg

22.11.2013 ·  Innerhalb der syrischen Opposition wächst der Druck auf die Milizen, ein islamischeres Profil zu zeigen. Nur so kommt Geld für Waffen aus Qatar, Kuweit und Saudi-Arabien.

Von MARKUS BICKEL, KAIRO

Unrest in Syria

© DPAVergrößernSoldaten der Syrischen Armee feiern die Wiedereroberung von Hejeira

Gestorben ist Abd al Qader Salih in einem Krankenhaus in der Türkei. Doch tödlich verwundet wurde der 33 Jahre alte Kommandeur der mächtigen Liwa-al-Tawhid-Brigaden vorige Woche bei einem Luftangriff dort, wo er zwei Jahre zuvor erstmals zur Waffe gegriffen hatte: in Aleppo. Nachdem die Truppen von Machthaber Baschar al Assad im Herbst 2011 auch in der nordsyrischen Metropole damit begonnen hatten, den friedlichen Aufstand blutig niederzuschlagen, entschloss sich der frühere Getreidegroßhändler zum bewaffneten Kampf.

Was Salih bis zum Schluss antrieb, war der unbedingte Wunsch, das Regime zu stürzen. Seinen Einheiten gehörten neben islamistischen auch säkulare, kurdische und christliche Kämpfer an. „Alle Syrer sind Abd al Qader Salih“, würdigte der Dachverband der Opposition, die Syrische Nationale Koalition, in dieser Woche den vielleicht wichtigsten Kommandeur in Nordsyrien. Der „Held“ und „Märtyrer“ werde lebendig bleiben in den Herzen des syrischen Volkes – und die Tawhid-Brigaden würden seinen Kampf für ein freies Syrien weiterführen.

Die Machtverhältnisse werden immer komplexer

Ob Salihs Nachfolger die von dem moderaten Islamisten verfolgte Linie jedoch tatsächlich fortsetzen wird, steht in den Sternen: Im September kündigte die Miliz, der Tausende Kämpfer angehören, dem militärischen Flügel der vom Westen unterstützten Nationalen Koalition die Gefolgschaft auf. Und das, obwohl Salih bis zum Schluss dem Obersten Militärrat der Freien Syrischen Armee (FSA) unter Generalstabschef Salim Idriss angehört hatte. Zugleich waren die Tawhid-Brigaden Mitglied in der Syrischen Befreiungsfront, einem Zusammenschluss von rund 20 islamistischen Gruppen, die nur lose mit dem FSA-Oberkommando kooperieren.

Ein Widerspruch ist das nicht, sondern Ausdruck der immer komplexer werdenden Machtverhältnisse vor allem in den von der Opposition kontrollierten Gebieten Nordsyriens. Allianzen zwischen dschihadistischen und säkularen Verbänden zählen ebenso dazu wie der rücksichtslose Einsatz religiöser Rhetorik und Symbolik, um neue Finanzmittel aufzutun. Mehr als zweieinhalb Jahre nach Beginn der Revolution wächst der Druck auf die Oppositionsmilizen, ein islamischeres Profil zu zeigen. Nur so kann das Geld für die Waffen und den Sold der Kämpfer aus Quellen in Qatar, Kuweit und Saudi-Arabien gesichert werden.

Das Bekenntnis der Nationalen Koalition zu Salih zeigt, dass die zerstrittene Exilopposition in Istanbul die islamistischen Aufständischen noch nicht abgeschrieben hat. Sie zurückzugewinnen werde schwierig, gibt Mouaffaq Nyrabia zu, der die von Ahmad Dscharba geführte Koalition bei der Europäischen Union in Brüssel vertritt. Nach dem Sieg gegen Assad aber würden sie die wichtigste Stütze gegen die syrischen Al-Qaida-Ableger bilden.

Der Krieg im Krieg könnte sich ausweiten

Denn der Druck auf die vom Westen enttäuschten Oppositionskämpfer wächst auch von anderer Seite. Tausende ausländische Dschihadisten haben sich im vergangenen Jahr dem Krieg gegen Assad angeschlossen. Ihr Ziel einer weltumspannenden Umma muslimischer Gläubiger hat wenig mit dem Streben syrischer Aufständischer der ersten Stunde wie Salih zu tun: hier der Kampf gegen die ganze Generationen erdrückende Diktatur, dort eine weitere Station im Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen. Eines eint deshalb die syrischen Islamisten und die von der Realität in den belagerten Städten oft abgeschnittenen Exiloppositionellen: ihre Verachtung der ausländischen Gotteskrieger.

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Allein aus den russischen KaukasusRepubliken sollen sich 400 Kämpfer den syrischen Al-Qaida-Ablegern von Al-Nusra-Front und Islamischem Staat im Irak und der Levante (Isis) angeschlossen haben. Der russische Geheimdienst FSB fürchtet, dass Kämpfer wie der mächtige tschetschenische Isis-Kommandeur Tarkhan Batirashvili Ende des Jahres zurückkehren könnten nach Russland, um Anschläge auf die Olympischen Winterspiele in Sotschi zu verüben.

Zwischen allen Fronten finden sich Einheiten wie die Tawhid-Brigaden wieder. Längst ist es in Aleppo, Deir al Zur und Raqqa zu bewaffneten Zusammenstößen zwischen Einheiten der von Al Qaida geführten islamistischen Internationalen und lokalen islamistischen Einheiten gekommen. Der Krieg im Krieg könnte sich ausweiten, sollten die westlichen Staaten weiter zögern, der FSA-Führung um Idriss Waffen zu verwehren, fürchtet Mouaffaq Nyrabia von der Nationalen Koalition. Eine Unterstützung moderater islamistischer Milizen wie Salihs Tawhid-Brigaden scheint deshalb unumgänglich.

50 Gruppen gründeten die Islamische Armee

Ansonsten könnten die syrischen Al-Qaida-Ableger als Sieger aus dem Kleinkrieg um die befreiten Gebiete hervorgehen. Schon im November 2012 hatte sich Salihs Einheit von der vom Westen als legitime Vertretung des syrischen Volkes anerkannten Nationalen Koalition distanziert und gemeinsam mit anderen islamistischen Milizen den Aufbau eines islamischen Staates in der Provinz Aleppo zum Ziel erklärt. Doch FSA-Generalstabschef Idriss bekniete Salih, dem Obersten Militärrat in Istanbul die Treue zu halten – allem Missmut über ausbleibende Waffenlieferungen und mangelnde Koordination der Exilopposition zum Trotz.

Da das wahhabitische Saudi-Arabien dem Obersten Militärrat im Herbst die Gefolgschaft aufkündigte, buhlen viele bewaffnete Verbände nun direkt um Mittel des neben Qatar wichtigsten ausländischen Sponsors der Assad-Gegner. Auch Salihs Tawhid-Brigaden verließen im September das militärische Führungsgremium der FSA und schlossen sich einer Allianz von elf islamistischen Einheiten an, die den Aufbau eines islamischen Staates zu ihrem Ziel erklärten. Rund um Damaskus gründeten Ende September 50 Gruppen die Islamische Armee – auf einem Gebiet, das bis dahin fest in FSA-Hand lag. Finanziert wird sie direkt aus Saudi-Arabien.

http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/naher-osten/syrien-der-krieg-im-buergerkrieg-12675253.html

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