Namibianerin fordert von Deutschland Entschuldigung für Völkermord: Frau Ida Hoffmann aus Namibia hat völlig recht. Nichts sollte die Deutschen zurückhalten, sich nach über einem Jahrhundert endlich für ihre Kolonialverbrechen zu entschuldigen. Und dies erst recht, weil – erstaunlicherweise – in den früheren deutschen Kolonien weder Abneigung noch gar Hass gegen die einstigen Herren zu spüren ist. Eher kann man von Akzeptanz der Deutschen als Partner der eigenen Geschichte sprechen. Was sie erschreckt: Viele, vor allem jüngere Deutsche, wüssten wenig oder nichts über die Kolonialgeschichte. Die Auseinandersetzung damit fehlt. Freiburg ist für Ida Hoffmann ein wichtiger Ort: hier lagern Schädel ermordeter Einwohner Namibias im Alexander-Ecker-Institut der Uni.

“Die Deutschen müssen mit uns reden”

LEUTE IN DER STADT: Ida Hoffmann aus Namibia fordert eine Entschuldigung für die Verbrechen während der Kolonialzeit.

  1. Ida Hoffmann Foto: Ingo Schneider

Wann wird sich die deutsche Regierung endlich offiziell entschuldigen? Ida Hoffmann (66) glaubt nicht, dass es bald der Fall sein wird. Aber sie sagt: “Die Entschuldigung muss kommen!” Die Menschen in ihrem Heimatland Namibia warten darauf, mehr als ein Jahrhundert nach der Ermordung von Zehntausenden Menschen durch deutsche Kolonialtruppen, erzählt sie bei ihrem Besuch in Freiburg auf Englisch. Sie ist Vorsitzende des “Nama Genocide Technical Commitee Windhoek” und hielt am Mittwochabend an der Uni einen Vortrag.

Ida Hoffmann ist viel unterwegs, unter anderem war sie in Berlin und Heidelberg, nach Freiburg eingeladen hatten sie das Arnold-Bergsträsser-Institut, das Colloquium Politicum und das Informationszentrum 3. Welt. Was sie erschreckt: Viele, vor allem jüngere Deutsche, wüssten wenig oder nichts über die Kolonialgeschichte. Die Auseinandersetzung damit fehlt.

Freiburg ist für Ida Hoffmann ein wichtiger Ort: hier lagern Schädel ermordeter Einwohner Namibias im Alexander-Ecker-Institut der Uni. Im Frühling begann im Kultur- und Migrationsausschuss eine Debatte über den Umgang mit der Freiburger Kolonialgeschichte, gefordert wurde damals eine gründliche Aufarbeitung. Ida Hoffmann war 2011 auch in Berlin dabei, als es bei der Rückgabe von Schädeln einen Eklat gab. Denn es kam nicht zu der offiziellen Entschuldigung, die Ida Hoffmann und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter dringend fordern. Verbunden mit einer Entschädigung für die Nachkommen der getöteten ethnischen Gruppen, den Herero, Nama, Damara und San.

Sie selbst gehört zu den Orlam-Nama, die sich 1903 zu einem Aufstand gegen deutsche Kolonialtruppen zusammentaten. Auch ihr eigenes Leben, das 1947 begann, war geprägt vom Kampf gegen widrige Umstände. Als kleines Kind wurde sie Waise, wuchs bei ihrer Tante und später bei ihrer Cousine auf. “Es war ein hartes Leben”, sagt sie, sie fühlte sich herumgestoßen, hatte nirgends Rückhalt. Und dann die große Armut: nur fünf Jahre konnte sie zur Schule gehen, sie hatte nie genügend Kleidung, dauernd zu wenig zu essen. Als Jugendliche wurde sie schwanger, damals arbeitete sie in einem katholischen Kindergarten, der sie wegen der Schwangerschaft entließ.

Drei Jahre nach der Geburt ihres Sohnes lernte sie ihren Mann kennen, mit ihm hatte sie noch einen Sohn und drei Töchter. Die Erfahrungen von Armut und Unterdrückung brachten sie dazu, aktiv zu werden: Mitte der 1970er-Jahre begann sie, bei der “South-West Africa People’s Organisation” (Swapo) gegen die südafrikanische Besatzung zu kämpfen, 1984 kam sie für zwölf Tage ins Gefängnis.

Später gründete sie einen Kindergarten, den mittlerweile rund 300 Kinder besuchen, ihr Sohn ist der Leiter. Der Einsatz für Kinder, das war neben dem politischen Kampf immer ihr großes Thema, wahrscheinlich wegen ihrer eigenen traurigen Jugend: Ein Versuch, anderen bessere Bedingungen zu schaffen.

Anfang der 1990er kam die Auseinandersetzung mit den deutschen Kolonialverbrechen dazu, Ida Hoffmann gelang es, verschiedene ethnische Gruppen zur Zusammenarbeit zu bewegen. Anfangs war es für die Männer ein Problem, dass sie als Frau eine führende Rolle übernahm, erzählt sie: “Aber sie allein haben es nicht hingekriegt, und jetzt müssen sie mir zuhören, wenn ich spreche!” Wie wird es weitergehen? Ida Hoffmann wünscht sich einen Runden Tisch mit allen Beteiligten. “Wir müssen zusammensitzen, die Deutschen können nicht über uns reden, sie müssen mit uns reden. Wir sind die Hauptpersonen!”

http://www.badische-zeitung.de/freiburg/die-deutschen-muessen-mit-uns-reden–76767090.html

KOLONIALISMUS

“Wir heutigen Deutschen sollten uns endlich entschuldigen”

In einem Vortrag an der Uni hat Ida Hoffmann aus Namibia eine Entschuldigung der Deutschen für die Verbrechen während der Kolonialzeit gefordert (“Die Deutschen müssen mit uns reden”, BZ vom 2. November):

Frau Ida Hoffmann aus Namibia hat völlig recht. Nichts sollte die Deutschen zurückhalten, sich nach über einem Jahrhundert endlich für ihre Kolonialverbrechen zu entschuldigen. Und dies erst recht, weil – erstaunlicherweise – in den früheren deutschen Kolonien weder Abneigung noch gar Hass gegen die einstigen Herren zu spüren ist. Eher kann man von Akzeptanz der Deutschen als Partner der eigenen Geschichte sprechen, spürt Stolz auf die heutige nationale Selbstbehauptung und findet – originellerweise – in einigen Städten mehr Traditionsbewusstsein als bei uns.

So kann man in Windhoek und Swakopmund in Innenstädten Spazieren gehen, die wie deutsche Kleinstädte vor 100 Jahren wirken, mit deutschen Straßennamen, deutschnamigen Gaststätten und Cafés mit freundlichen Bedienungen (manchmal sogar in bemühtem Deutsch) und “Schwarzwälder Kirsch” im Angebot.

Es bleibt aber: der Kolonialismus hat sich sein eigenes Grab gegraben; Rassismus und unsinniges, einstiges Weltmachtstreben haben unentschuldbare Völkermorde bewirkt, lange vor dem Holocaust. Dabei wäre es – mindestens in Deutsch-Südwestafrika – vermeidbar gewesen. Man hätte 1905/1906 auf den damaligen Gouverneur Major Leutwein hören sollen: er hatte mit den eingeborenen Hirtenvölkern Verträge geschlossen und deren lebenswichtige freie Weiderechte – gegen Schluss mit den Angriffen auf deutsche Farmen – anerkannt.

Aber die politisch, wirtschaftlich, militärisch Herrschenden in Berlin, als deren Sprachrohr Wilhelm II fungierte, wollten keinen Frieden, sondern die volle Herrschaft.

Man löste Leutwein ab, sandte den ultrakonservativen General v. Trotha mit über 1000 Soldaten und Maschinengewehren in die Aufstandsgebiete, siegte natürlich in der “Schlacht” am Waterberg und ließ die überlebenden Herero und Nama einen mörderischen Tod in der abgesperrten, wasserlosen Omaheke-Wüstensteppe sterben. Wenn schon Amerikaner, Engländer, Franzosen, Portugiesen und ander es kaum schaffen, mit ihren Ex-Kolonien Partnerschaften aufzubauen, dann sollten wenigstens wir heutigen Deutschen es tun, uns endlich entschuldigen und Projekte mit Entschädigung für die Nachkommen der Herero, Nama, Damara und San übernehmen – nur Landschafts- und Tierbeobachtung aus schönen Lodges für Touristen reichen nicht!Henning Wellbrock, Umkirch

http://www.badische-zeitung.de/leserbriefe-freiburg/wir-heutigen-deutschen-sollten-uns-endlich-entschuldigen–77631176.html

Ida Hofmann spricht über deutsche Verantwortung in Namibia

Ida Hofmann war an führender Stelle an der namibischen Delegation beteiligt, die 2011 anlässlich der Übergabe der Schädel aus der Charité in Berlin war. Sie hat vorher und nachher in Namibia entscheidend dazu beigetragen, dass sich ein breites Bündnis unterschiedlicher ethnischer Gruppen gebildet hat, das die Frage der Entschuldigung, der Restitution und Entschädigung hartnäckig weiter verfolgt. Ida Hofmann steht daher für ein bemerkenswertes zivilgesellschaftliches Engagement in dieser wichtigen transnationalen Auseinandersetzung um die Folgen des Kolonialismus.
Wann 30.10.2013
von 20:00 bis 22:00
Wo Uni Freiburg, HS 1098
Termin übernehmen  vCal
 iCal

Die Veranstaltung ermöglicht Einblicke aus erster Hand in die Auffassungen und die Praxis namibischer Aktivistinnen und Aktivisten im Zusammenhang mit der schwierigen namibisch-deutschen Erinnerungspolitik. Ungeachtet des seit den Kolonialverbrechen verflossenen Jahrhunderts sind diese Fragen hoch aktuell. Die Zusammenhänge reichen vom antikolonialen Widerstand über den Befreiungskampf der 1970er und 1980er Jahre bis in die Gegenwart. Ida Hofmann repräsentiert auch durch ihre Person die Aktualität und Dringlichkeit einer konstruktiven namibisch-deutschen Versöhnungspolitik.

Zur Person:

Ida Hofmann stammt aus Keetmanshoop und identifiziert sich als Bondelswart. Sie gehörte zu den SWAPO-Aktivistinnen, die während der 1970er und 1980er Jahre den zivilen Widerstand im Land aufrechterhielten. Nach einem Gefängnisaufenthalt wegen ihrer Unterstützung auch des bewaffneten Kampfes begann sie Mitte der 1980er Jahre mit dem Aufbau eines Kindergartens in Katutura, der zu einem ihrer Markenzeichen geworden ist. Heute ist dieser Kindergarten ein wichtiges Kommunikationszentrum in Katutura und wird von weit über hundert Kindern besucht. Ida Hofmann war von 2005 bis 2009 Mitglied der National Assembly. Auch während dieser Zeit hat sie ihr hohes zivilgesellschaftliches Engagement aufrechterhalten

Nach wie vor ist es eines der wesentlichen Anliegen Ida Hofmanns, der Marginalisierung des „internen“ Kampfes im offiziellen Bild des namibischen Befreiungskampfes und auch des Beitrags des Südens zum antikolonialen Widerstand entgegenzuwirken. In diesem Zusammenhang stehen auch ihre neueren erinnerungspolitischen Aktivitäten.

Seit Anfang der 1990er Jahre bemüht sich Ida Hofmann auch um eine engere Verbindung zwischen den auf lokale Identitäten fixierten und weitgehend zersplitterten Nama-Gruppen. Es gelang nach über einem Jahrzehnt, eine lose Vereinigung  der meisten Nama-Führer zustande zu bringen. Zugleich war Ida Hofmann 2005-2010 eines der sechs vom Präsidenten nominierten Mitglieder der Nationalversammlung. In dieser Zeit entwickelte sich ihr vehementes Engagement für die Aufarbeitung des kolonialen Völkermordes 1904-08, die Forderung nach einer adäquaten Entschuldigung durch Deutschlands, nach Reparationen und Restitution. Dieser letzte Punkt hat sich besonders angesichts der spektakulären und von deutscher Seite aus in höchst problematischer Weise gehandhabten Rückgabe der ersten 20 in deutschen Institutionen aufbewahrten Schädel an eine namibische Delegation 2011 stark auf die Problematik menschlicher Überreste konzentriert und zugespitzt. Ida Hofmann war nicht prominentes Mitglied dieser Delegation (Auftreten bei der Pressekonferenz und bei rituellen Anlässen), sondern ist als Vorsitzende des „Nama Technical Committee“ die zentrale Aktivistin von Nama-Seite in der gesamten Frage der Versöhnungspolitik. Ihr und ihrer Kooperationspartnerin Ester Muangijange vom Technical Committee des Ovaherero Genocide Comittee ist es wesentlich zuzuschreiben, dass beide Komitees seit Jahren eng kooperieren – etwas, was zuvor kaum vorstellbar gewesen wäre.

Ihre Biographie ebenso wie ihre gegenwärtige politische Tätigkeit machen Ida Hofmann zu einer Person, die wohl in einzigartiger Weise in der Lage ist, über die Forderungen autochthoner Gemeinschaften in Namibia gegenüber Deutschland sowie deren Hintergründe im kolonialen Krieg vor über 100 Jahren zu informieren.

Veranstaltet vom Arnold Bergstraesser Institut und dem iz3w

https://www.iz3w.org/events/ida_hofmann

Ida Hofmann gemeinsam mit Niema Movassat am Rande der konstituierenden Sitzung des neuen Bundestags

Deutschland hat ein schwerwiegendes Problem, wenn es um die Aufarbeitung seiner Vergangenheit geht. Bis heute warten Herero und Nama auf eine offizielle Entschuldigung seitens des Bundestags und der Bundesregierung für den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts, der im Rahmen eines gezielten und systematischen Vernichtungskriegs gegen diese zwei Volksgruppen durch das deutsche Kaiserreich von 1904-08 in der ehemaligen deutschen Kolonie Deutsch-Südwestafrika durchgeführt wurde. Hierbei wurden obendrein zu rassistischen pseudowissenschaftlichen „Forschungszwecken“, Schädel und Gebeine der Opfer in Sammlungen und Archive nach Deutschland verbracht und lagern hier noch heute.

Am Dienstag, 22. Oktober 2013 traf ich mich am Rande der konstituierenden Sitzung des neuen Bundestags mit Ida Hoffmann aus Namibia. Ida Hoffmann ist Vorsitzende des „Nama Technical Genocide Committee“, das für eine Anerkennung des Völkermords als solchen, eine offizielle deutsche Entschuldigung, einen Versöhnungsdialog und Reparationen kämpft. Frau Hoffmann bekräftigte diese Anliegen und die Entschlossenheit der Menschen in Namibia, für diese Punkte zu kämpfen – notfalls auch mit radikaleren Mitteln. Denn eins ist klar: Die Folgen dieses Völkermords, insbesondere die damit einhergehenden Landenteignungen wirken sich bis heute so aus, dass der Mehrheit der Nama und Herero jegliche wirtschaftliche Überlebensgrundlage fehlt. Diese Menschen können auch so lange kein würdevolles Leben führen, solange ihnen nicht mit dem nötigen und angebrachten Respekt seitens Deutschlands begegnet wird. Traumata dieser Art setzen sich über Generationen fort – insbesondere wenn es zu keinem versöhnlichen Abschluss kommt.

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