1914: Welche Lehren ziehen aus dem Ersten Weltkrieg? Die Weltkriegsgefahr ist 100 Jahre später immer noch da! Die Versuche, nach den Millionen Opfern in beiden Weltkriegen eine stabile internationale Ordnung zu schaffen, die Krieg und Gewalt verbannt, ist fehlgeschlagen! Das Gedenken an 1914 und angesichts der wachsenden internationalen Spannungen sollte wir das jetzt anpacken und uns dafür international zusammenzuschließen! Die Kriegsgegner hatten das vor dem Ersten Weltkrieg vergeblich versucht und hatten die Katastrophe, die sie vorausgesehen hatten, nicht verhindern können!

Wie wirkt 1914 nach?

25. November 2013, 00:00
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DER STANDARD Schwerpunktausgabe am Samstag, 30. November

Am 28. Juni 1914 wurde der Thronfolger von Österreich-Ungarn, Erzherzog Franz Ferdinand, in Sarajewo ermordet. Dieses Attentat war der Auslöser für den Ersten Weltkrieg, der eine epochale Zäsur mit enormen Folgen für die ganze Welt war, die bis in die Gegenwart reichen. Die STANDARD-Schwerpunktausgabe „Wie wirkt 1914 nach?“ begibt sich auf Spurensuche nach bisher wenig beleuchteten Aspekten dieses historischen Großereignisses vor hundert Jahren und ordnet es in die aktuelle weltpolitische Lage ein. Ausgewählte Texte werden dazu in sieben verschiedene Sprachen übersetzt.

1914: Wir fühlten dunkel, dass es so kommen würde

KOMMENTAR DER ANDEREN | LUTZ MUSNER
29. November 2013, 18:51
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Die Sozialdemokraten konnten die rasende Fahrt ins große Blutbad nicht stoppen. Sie waren zu verzagt, pessimistisch und blind

Christopher Clark hat jüngst in seinem Buch über die Ursachen für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges die These aufgestellt, dass eine genauere Analyse der europäischen Politiker, Diplomaten und wirtschaftlichen Schlüsselakteure angesichts der multiplen Krisen und Kriege im Vorfeld von 1914 zeige, dass sich diese wie Schlafwandler verhalten hätten. Gilt seine Schlafwandler-These auch für die Partei Victors Adlers, die SDAP?

Nachdem die reichsdeutsche sozialdemokratische Partei 1875 gegründet worden war, folgte um die Jahreswende 1888/1889 im niederösterreichischen Hainfeld der Beschluss über das Gründungsprogramm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs ?SDAP?. Deren führender Kopf Victor Adler hatte es ausgearbeitet. In der “Prinzipienerklärung” hielt man fest, dass dem wissenschaftlichen Sozialismus die wesentliche Rolle im Klassenkampf und bei der Befreiung des Proletariats zukommen müsse. Des Weiteren wurde auch die Umwandlung des Heeres in ein Milizsystem gefordert, denn die Ursache der beständigen Kriegsgefahr sei im stehenden Heer zu suchen.

Anlässlich der Internationalen Konferenz der Sozialisten in Brüssel am 12. Oktober 1908, die infolge der Annexionskrise von Bosnien-Herzegowina einberufen worden war, betonte Adler im Namen der österreichischen Sozialdemokratie die entschiedene Ablehnung der Annexion und unterstrich das Recht auf die Eigenständigkeit aller Balkanvölker. Wenige Monate später bekräftigte er seine Haltung in einer Friedenskundgebung im Abgeordnetenhaus am 26. März 1909 und betonte nachdrücklich, dass die Sozialdemokraten keinen Krieg wollten.

Adler bestätigte damit die Beschlüsse, die ein Jahr zuvor gefasst wurden. Denn schon am Stuttgarter Kongress der Zweiten Sozialistischen Internationale im Jahr 1907 stand die Frage des Militarismus und der internationalen Konflikte als erster Punkt auf der Tagesordnung. Nach heftigen Debatten, vor allem zwischen der deutschen und französischen Delegation, hatte man sich einstimmig dazu bekannt, dass im Kriegsfalle die arbeitenden Klassen und ihre parlamentarischen Vertreter in den betroffenen Ländern verpflichtet seien, alles zu tun, um durch die ihnen am wirksamsten erscheinenden Mittel einen Kriegsausbruch zu verhindern.

“Gewaltigste Erschütterung”

Als einer von Wenigen erkannte der herausragende Intellektuelle der österreichischen Sozialdemokratie Otto Bauer schon im Verlauf des Balkankrieges 1912 das immense Gefahrenpotenzial, das die Krisenregion in sich barg. Er schrieb: “Sind Deutschland, Frankreich und England einig, dann diktieren sie den Frieden. Sind sie es nicht, dann droht die Gefahr, dass der Zusammenbruch der Türkei nach kurzem Zwischenspiel zum Weltkrieg führt. Dann war der Balkankrieg nur das kleine Vorspiel furchtbarster Kriegsgräuel, dann naht der ganzen kapitalistischen Welt die gewaltigste Erschütterung.”

Das Unheil nahm mit der Ermordung Erzherzog Franz Ferdinands seinen Anfang. Der Sozialdemokrat Julius Braunthal schilderte die damalige Stimmungslage seiner Parteigenossen angesichts des Attentats: Zwar hätte die Nachricht wie ein Blitz eingeschlagen, aber großes Bedauern sei nicht zu spüren gewesen. Zu sehr hätte der Thronfolger das reaktionäre Element in der Innenpolitik und einen aggressiven Kriegswillen in der Außenpolitik verkörpert. Aber sollte man angesichts der Kriegspartei am Wiener Hof erleichtert sein? Würde dieser radikale Flügel den Fürstenmord zum Anlass für einen Krieg gegen Serbien nehmen? “Es schien uns unvorstellbar, dass Millionen sterben sollten, um den Tod eines Mannes zu sühnen, der stets bereit war, Millionen in den Tod zu schicken. Eine absurde Vorstellung. Und doch fühlten wir dunkel, dass es so kommen würde.”

In den sozialistischen Parteien weltweit dachte niemand ernstlich daran, dass Deutschland wegen Österreichs Lokalkonflikt mit Serbien einen Krieg gegen Russland und damit gegen Frankreich und England riskieren würde. In Österreich hingegen schätzten viele Sozialisten die Lage wesentlich dramatischer ein. Der anhaltende Nationalitätenkonflikt und der nur oberflächlich kalmierte Balkan ließen – so Braunthal – das Gefühl aufkommen, dass sich die Spannungen “in einer katastrophalen Explosion lösen” könnten.

Am 28. Juli 1914 trat nun das wirklich ein, was sich keiner so recht hatte vorstellen wollen: Österreich-Ungarn erklärte Serbien den Krieg, und Kaiser Franz Joseph vertraute in seinem Manifest darauf, dass seine Völker für die Ehre, die Größe und die Macht des Vaterlandes zu schwersten Opfern bereit sein würden. Die Parteivertretung der deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei appellierte: “Arbeiter und Arbeiterinnen! Bleibt treu eurer Sache, treu der Sache des arbeitenden Volkes! Dann werden wir nach dem Krieg stark genug sein, dafür zu sorgen, dass das neue Österreich werde, was es sein soll: Heimstätte freier Völker, ein fruchtbarer Boden für die befreiende Arbeit des Proletariats.”

Unwilliger Adler

Am 29. Juli 1914 versammelten sich führende Sozialdemokraten Europas zur vom Internationalen Sozialistischen Bureau (?ISB)? nach Brüssel einberufenen Sitzung. Dort stießen die Aussagen Adlers die Teilnehmer vor den Kopf. Denn er hatte ohne Umschweife erklärt, dass seine Partei dem Krieg Österreichs gegen Serbien aufgrund des Ausnahmegesetzes vom 25. Juli 1914 nichts entgegensetzen und nur darauf bedacht seien könne, die bestehenden Arbeiterorganisationen zu retten.

Wenige Tage später in Wien erinnerte Adler an den Verlauf der Sitzung des ISB, wo man noch hoffte, einen Krieg hintanzuhalten. Er sprach über den furchtbaren Konflikt, der den deutschen und österreichischen Proletariern auferlegt sei, denn man könne den Millionen von Proletariern im Feld jene Mittel nicht verweigern, um sich selbst zu wehren und zu verhindern, dass der Krieg auf eigenem Boden geführt werde.

Im Rückblick resümiert Julius Braunthal, dass das Unvermögen der europäischen Sozialisten, vor allem der österreichischen, die Zeichen der Zeit richtig zu deuten, ein wahres Verhängnis gewesen sei. Hätten die Österreicher die Zweite Sozialistische Internationale rechtzeitig gewarnt, dann wäre es vielleicht möglich gewesen, eine gemeinsame mächtige Widerstandsbewegung gegen die Kriegsgefahr zu entfesseln.

In einem indirekten Sinne kann man die Partei Adlers im Juli 1914 somit sehr wohl als politisch somnambul bezeichnen. Sie hatte allzu große Hoffnungen in den Zusammenhalt der sozialistischen Parteien Europas gesetzt und mit deren Unterstützung von außen für das gerechnet, was man innenpolitisch unter dem Diktat des Ausnahmegesetzes nicht durchsetzen konnte. Die Juli-Krise verlief so in zutiefst Musil’scher Ironie als “Gefilz” von Zuversicht und Verzagtheit, politischen Kalkülen und Fehleinschätzungen, euphorischer Friedensillusion und tiefem Pessimismus. Dieses Gefilz bestimmte die hohe Politik ebenso wie die Sozialistische Internationale. Adlers innigste Hoffnung, einen Krieg vermeiden zu können, war endgültig an der “Realpolitik” der Monarchie und der Großmächte gescheitert. (Lutz Musner, DER STANDARD, 30.11.2013)

Lutz Musner

ist stellvertretender Direktor des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften in Wien.

http://derstandard.at/1385169395826/1914-Wir-fuehlten-dunkel-dass-es-so-kommen-wuerde

“Nationalstaatliches Denken ist am zähesten”

INTERVIEW | JOSEF KIRCHENGAST
29. November 2013, 19:17
  • Nach dem Tod von Kaiser Franz Joseph am 21. November 1916 rückte Kaiser Karl I. auf den Thron - und "stürmt geradezu ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit", schreibt Fotohistoriker Anton Holzer. Seine Truppenbesuche waren medial bis ins Detail durchkomponiert, jeder Schritt wurde von Kameras dokumentiert. Die Bilder sollten einen "fürsorglichen und zugleich allmächtigen Feldherrn" zeigen - wie hier Karls Begegenung mit Verwundeten der Isonzoschlacht im Mai 1917.

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    foto: bildarchiv austria/ österreichische nationalbibliothek

    Nach dem Tod von Kaiser Franz Joseph am 21. November 1916 rückte Kaiser Karl I. auf den Thron – und “stürmt geradezu ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit”, schreibt Fotohistoriker Anton Holzer. Seine Truppenbesuche waren medial bis ins Detail durchkomponiert, jeder Schritt wurde von Kameras dokumentiert. Die Bilder sollten einen “fürsorglichen und zugleich allmächtigen Feldherrn” zeigen – wie hier Karls Begegenung mit Verwundeten der Isonzoschlacht im Mai 1917.

  • Werner Benecke: "Als das internationale Bündnis einmal ins Laufen kam, funktionierte es ganz unabhängig von den eigentlichen Interessen der beteiligten Staaten."
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    Werner Benecke: “Als das internationale Bündnis einmal ins Laufen kam, funktionierte es ganz unabhängig von den eigentlichen Interessen der beteiligten Staaten.”

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Historiker Werner Benecke über die Sowjetunion als spätere Weltmacht, neue Probleme durch nationalstaatliches Denken und Kriegsfolgen in Mittel- und Osteuropa. Mit ihm sprach Josef Kirchengast.

STANDARD: Russland will sich unter Wladimir Putin offensichtlich wieder als Weltmacht etablieren. Ist das nicht eine weitere Spätfolge des Ersten Weltkriegs, der doch das Entstehen der Sowjetunion entscheidend begünstigt hat, deren Zusammenbruch dann von Putin als größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnet wurde?

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Benecke: Es wäre eine sehr, sehr weitgehende Interpretation, das als Spätfolge des Ersten Weltkriegs zu sehen, wenngleich die Logik gemäß dem Ablauf der Ereignisse ja völlig richtig ist. Russland kommt ja sehr geschwächt aus dem Ersten Weltkrieg heraus, erfährt zwei Revolutionen, dann wird die Sowjetunion aufgebaut. Für Putin ist eher die Sowjetunion der Bezugspunkt als das russische Reich, das übrigens keine Weltmacht war. Ich würde es eine als sehr wichtige Großmacht mit überaus begrenzten globalen Möglichkeiten beschreiben.

STANDARD: Gemäß seiner Doktrin des „nahen Auslands“ versucht Russland eine Annäherung ehemaliger Sowjetrepubliken, vor allem der Ukraine,  an die EU zu verhindern. War es dieselbe oder eine ähnliche Denkweise, die das Zarenreich 1914 zum Kriegseintritt bewog?

Benecke: Ähnlich wäre das Denken in der Kategorie der Einflusssphären, in der Kategorie des Vorfeldes. Das ist ganz wichtig für die russische Position vor 1914, wo es ja gar nicht um ganz unmittelbare russische territoriale Interessen ging, sondern darum, wie Russland sich diese Interessen international aufbaut und wie es sie verteidigt. Andererseits ist bei Kriegsbeginn 1914 die internationale Bündniskonstellation extrem wichtig. Sie wurde ja vielfach mit einem Uhrwerk verglichen: Als sie einmal ins Laufen gekommen war, funktionierte sie ganz unabhängig von den eigentlichen Interessen der am Krieg beteiligten Staaten. Und dieses Uhrwerk finde ich im gegenwärtigen russisch-ukrainischen Verhältnis gar nicht wieder.

STANDARD: Gab es noch andere für die damalige russische Position relevante Faktoren?

Benecke: Ja, die Rolle der Medien. Diese Vorfeld-Politik wurde stark von der seinerzeitigen russischen Presse kolportiert, die ein starker Einflussfaktor im Russland vor 1914 war und bisweilen andere Forderungen stellte und populär machte, als die Regierung sie für sich in Anspruch nehmen wollte.

STANDARD: Welche zum Beispiel?

Benecke: Eben, dass es im Sinne des Panslawismus Russlands Aufgabe sei,  den Serben, den bedrohten Brüdern auf dem Balkan, zu helfen. Das war für die russische Führung eine sehr zweischneidige Sache, denn sie hatte ja enorme Schwierigkeiten mit ihren eigenen slawischen Minderheiten, wenn man an die Ukraine und an Polen vor 1914 denkt. Man war sich dessen bewusst, dass die Mobilisierung von Minderheitenfragen – was es ja für Österreich-Ungarn gewesen ist – sehr schnell auf die eigene Position zurückschlagen konnte. Hier sehe ich einen deutlichen Unterschied zwischen der russischen Regierung und der öffentlichen Meinung.

STANDARD: Die russischen Misserfolge auf den Schlachtfeldern  beschleunigten den Zusammenbruch der Monarchie. Nach der – bürgerlichen – Februarrevolution 1917 wurde Russland für wenige Wochen eine Art parlamentarische Republik. Hätte diese eine Überlebenschance gehabt, wenn sie – wie es dann Lenins Bolschewiken nach der Machtergreifung  im Oktober/November taten, den Krieg rasch beendet hätte?

Benecke: Parlamentarische Republik ist nicht ganz zutreffend. Das russische Parlament, das in dieser Februarrevolution eine ganz wichtige Rolle spielte, war nach heutigem Verständnis noch immer ein handverlesenes, sehr elitäres, das Volk kaum repräsentierendes Organ. Sehr bald wäre die Frage gestellt worden, ob denn diese Reichsduma wirklich legitimiert sei oder ob sie nicht schnellstens ersetzt werden müsse durch eine frei gewählte verfassunggebende Versammlung.

STANDARD: Wie standen die bestimmenden Kräfte in dieser Reichsduma zur Kriegsfrage?

Benecke: Die Personen, die den Ton angaben – und übrigens im Februar 1917 den Bruch mit dem Zaren wagten – sahen sich selbst als die festesten Verbündeten der Westmächte. Ihr Ziel war es seit langem, Russland tatsächlich in Form einer westlich angenäherten Demokratie,  mit parlamentarischer Verantwortlichkeit der Regierung, Sicherung der Grundrechte und so weiter, zu etablieren. Es passt überhaupt nicht in das Weltbild und das Selbstverständnis dieses Personenkreises, ausgerechnet in dem Moment, wo man den westlichen Verbündeten in der eigenen Staatsstruktur näher ist als je zuvor,  einen Separatfrieden zu schließen und die westlichen Vorbilder den Krieg alleine weiterführen zu lassen.

STANDARD: Somit eine obsolete Frage.

Benecke: Dennoch eine reizvolle Frage: Hätte ein schneller Friede die russische Geschichte möglicherweise ganz, ganz andere Wege gehen lassen? Aber die Frage geht, glaube ich, gründlich an dem Weltbild der damaligen Entscheidungsträger vorbei.

STANDARD: Also im Rückblick doch ein unvermeidbarer Gang der Dinge.

Benecke: Was diesen Punkt betrifft, ja.

STANDARD: Viele Historiker sagen, der Krieg wäre auch ohne das Attentat von Sarajevo gekommen, vor allem wegen der deutschen Weltmachtambitionen, die das British Empire herausforderten. Gilt diese Unvermeidbarkeitsthese auch für die drei Kaiserreiche  Deutschland, Österreich-Ungarn, Russland? Gab es zwischen ihnen unüberbrückbare Interessengegensätze?

Benecke: Es gibt eine große strukturelle Nähe dieser drei Monarchien. Es gibt auch einen gemeinsamen Kitt, der sie lange zusammengehalten hat im 19. Jahrhundert: das geteilte Polen. Es gibt keine offenen territorialen Konflikte, keine gegenseitigen Ansprüche, keine offenen Wunden wie etwa Elsaß-Lothringen zwischen Deutschland und Frankreich seit 1871. Was es aber gibt: eine bestimmte Art, in Blöcken und Bedrohungsszenarien zu denken;  eine Denkweise, die das Slawentum als eine wachsende und bald übermächtige Gefahr und hinter den kleinen slawischen Völkern in oder am Rande der Donaumonarchie die russischen Machtinteressen sieht.

STANDARD: Und aus russischer Sicht?

Benecke: In weiten Teilen der russischen Öffentlichkeit entspricht dem ein Denken in Kategorien des Pangermanismus, der seinerseits ein bedrohlicher Block ist, der immer schwerer wiegt. Und dabei spielt dann sehr schnell die Frage des Zeitpunkts einer Auseinandersetzung eine Rolle: Man will den günstigsten Zeitpunkt für sich selber nicht verpassen. Insbesondere aus der Perspektive der Mittelmächte wird Russland als ein Land gesehen, das 1914 schon relativ stark ist, aber 1916 unüberwindbar stark sein wird. Da will man lieber früher als zu spät losschlagen.

STANDARD: Mit dem Kriegsausbruch 1914 wurde die „polnische Frage“ erneut virulent. Preußen, Österreich und das Zarenreich hatten sich Polen-Litauen seit 1772 in mehreren Etappen aufgeteilt. Der Wiener Kongress 1815 unterstellte dann das sogenannte Kongresspolen als institutionelles Königreich dem Zaren.

Benecke: Bis zum Ersten Weltkrieg waren sich die Teilungsmächte im Großen und Ganzen immer einig, auch darin, dass es brandgefährlich wäre, die Frage einseitig zu mobilisieren und zu lösen. Jetzt passiert das zum ersten Mal. Langfristig steckt die – deutsche – Idee dahinter, dieses Polen zu einem Faktor zu machen, mit dem man Russland auseinander nehmen kann, also das Zarenreich mit seinen großen nationalen Schwierigkeiten zu konfrontieren und diese im deutschen Sinn zu mobilisieren.

STANDARD: Deutschland hat das im Verlauf des Krieges auch mit anderen Nationen versucht.

Benecke: Ja, etwa mit der vermeintlich unabhängigen Ukraine, auch mit der Unterstützung von nationalen Aspirationen der Litauer, bisweilen auch der Weißrussen. Das Denkmuster dahinter war ganz klar: sich abhängige Bündnispartner zu schaffen, deren Vorteil es ist, die eigenen nationalen Aspirationen in einem antirussischen Sinn zu nutzen.

STANDARD: Auch in anderen Nationen, etwa bei den Tschechen, erkannten Aktivisten die Chancen, die der Krieg ihren nationalen Aspirationen bot. Ein reger Lobbyismus setzte ein, in Petrograd, Paris und Washington, aber auch auf Seiten der Mittelmächte. Wie wirkte dies nach Kriegsende weiter?

Benecke: Sehr stark. Nach dem offiziellen Kriegsende im November 1918 begann eine Phase bis 1921, in der ganz Ostmitteleuropa eigentlich den Krieg  weiterführte in Kämpfen, mit denen sich die neu entstandenen Staaten gegeneinander abgrenzten. Da gab es eine Parallelität der Ereignisse: Einmal die Situation in der Konfliktzone selbst, also der weitergeführte Krieg, bisweilen bürgerkriegsartig, in Ostmitteleuropa, und die Gespräche mit den Entscheidern der Siegermächte. Und da sind die Lobbyisten ausgesprochen  wichtig. Sie werden großteils als Experten akzeptiert, mit denen man aus der komplizierten Gemengelage in Ostmitteleuropa halbwegs eindeutige Staatsnationen machen kann. Im polnischen Fall ist es Roman Dmowski, im tschechischen Fall sind es Tomás Garrique Masaryk und Edvard Benes, die in diesen Verhandlungen ihre Staatsvorstellungen weitgehend durchsetzen können. Im Fall Polen wäre die Karriere des legendären Józef Pilsudski, der sich bis heute in seinem Land sehr, sehr hoher Wertschätzung erfreut, ohne diesen Lobbyismus – und ohne das Ende dieses Lobbyismus – nicht vorstellbar. Er hat ja ab 1917 die Zusammenarbeit mit den Mittelmächten verweigert.

STANDARD: Zwischen Tschechen und Polen gab es Kämpfe um die schlesische Stadt Teschen, polnisch Cieszyn, tschechisch Ceský Tesín, die dann geteilt wurde. Liegt darin eine Ursache gewisser, bis heute nachwirkender Ressentiments zwischen Tschechen und Polen?

Benecke: Wichtig scheint mir dabei vor allem, wie man das Teschen-Problem dann „gelöst“ hat: indem die Polen in gewisser Weise den Nutzen aus dem Münchner Abkommen 1938 (Abtretung der tschechischen Sudetengebiete an Deutschland auf Druck Hitlers, Anm.) ziehen. Also die militärische Annexion des Teschener Gebietes, die nie den Geruch einer mit Hitler paktierenden Politik losgeworden ist. Das lastet, glaube ich, noch stärker auf dem polnisch-tschechischen Verhältnis als die Teilung der Stadt.

STANDARD: Im Fall der Ukraine kam es gegen Kriegsende zur Gründung eines „unabhängigen“ Staates von Deutschlands und Österreich-Ungarns Gnaden. Dafür war sogar ein Habsburger als König vorgesehen. Ist das mit ein Grund für die immer wieder angesprochene Spaltung der heutigen Ukraine in einen proeuropäischen Westen und einen eher prorussischen Osten?

Beneke: In einem sehr geringen Maß. Was die Mittelmächte an der Ukraine interessierte, war jener Teil, der bis dato Teil des russischen Reiches gewesen war. Da geht es um einen Staat, der nicht so weit nach Westen ausgreifen sollte, dass er etwa Galizien aus dem Verband der Donaumonarchie herausgelöst hätte. Man könnte sagen, dass eine Teilung gedanklich zementiert werden sollte, die es im Grunde schon gab: in einen österreichischen, vielleicht prowestlichen, und einen östlichen, ehemals dem russischen Reich zugehörigen Teil. Die vielzitierte Teilung der Ukraine ist tief im 19. Jahrhundert verwurzelt. Seit damals liegt Russlands industrielles Herz in der östlichen Ukraine. In der westlichen Ukraine, die ja auch lange Zeit Teil des polnischen Staates war, gab es keine vergleichbare Industrialisierung, dort spielte wiederum das Katholische eine prägende Rolle.

STANDARD: Stimmen Sie der These zu, dass 1914 ein europäischer Bürgerkrieg begann, der bis zum Fall der Berliner Mauer 1989 dauerte?

Beneke: Ich glaube, dass diese These mehr verstellt, als sie erklärt. Was 1989 an der Berliner Mauer endet, ist ja eigentlich die hochgerüstete ideologische Konfrontation der großen Blöcke. Deren Entstehung würde ich sehr traditionell zwischen 1943 und 1947 sehen. Ich weiß auch nicht, ob es richtig ist, dieser ideologischen Konfrontation und der Teilung Europas den Charakter eines Bürgerkriegs mit seinen unversöhnlichen Lagern beizumessen. Sowohl während des Ersten Weltkriegs als auch nach dessen Ende hat diese Art der Blockverhärtung nicht existiert. Die Situation ist eher dadurch gekennzeichnet, dass es noch immer Politik gegeben hat – politische Gespräche, politische Interessen, politische Balancen, die diesem Blockdenken sehr entgegen standen. Und in der Ordnung, die die Pariser Vorortverträge nach 1918 geschaffen haben, sehen wir sehr schnell die Rückkehr der traditionellen nationalstaatlich orientierten Politik. Schon 1920, 1921 wird klar, dass die Siegermächte sich längst nicht mehr ausschließlich als Siegermächte sehen, sondern sehr unterschiedliche, am Ende doch wieder der eigenen Nation verpflichtete Interessen durchsetzen.

STANDARD: Welchen Schluss ziehen sie daraus?

Beneke: Wenn es eine gemeinsame Linie gibt, die schon vor 1914 beginnt und ganz gewiss über das Jahr 1989 hinausreicht, dann ist es das Denken in nationalstaatlichen Kategorien. Das scheint mir das zäheste und interessanteste Phänomen der Kontinuität zu sein.

STANDARD: Halten Sie unter diesem Aspekt neue gewaltsame Konflikte in Europa, trotz EU, für möglich?

Beneke: Meine Prognose wäre: nein. Ich interpretiere die EU als das noch immer sehr glaubhafte Versprechen materiellen Wohlergehens für jene, die dabei sind. Und dieses Streben nach materiellem Wohlergehen wirkt auch in Osteuropa potenziellen großen Konflikten stark entgegen. Hinzu kommt, dass Europa im Grunde auch gar nicht mehr im militärischen Sinne konfliktfähig ist. Das Zusammenspiel zwischen diesem Wohlstandsversprechen und der faktischen Einordnung der EU-Staaten in die Nato und in Strukturen, in denen sie am Ende gar keine Krieg mehr führen können, ist ein recht guter Garant dafür, dass diese Art von Konflikten nicht mehr stattfinden kann. (Josef Kirchengast, DER STANDARD, 30.11.2013)

Werner Benecke (49) ist Inhaber der Professur für Geschichte und Kultur Mittel- und Osteuropas an der 1991 gegründeten Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Der Sitz seines Instituts liegt im polnischen Slubice, das bis 1945 ein Stadtteil Frankfurts war.

http://derstandard.at/1385169381063/Nationalstaatliches-Denken-ist-am-zaehesten

“Die Monarchie war nicht zum Scheitern verurteilt”

INTERVIEW | MICHAEL FREUND
29. November 2013, 16:46
  • "Geschichte ist nicht vorhersagbar", sagt der Historiker Timothy Snyder.
    foto: der standard/cremer

    “Geschichte ist nicht vorhersagbar”, sagt der Historiker Timothy Snyder.

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Der Historiker Timothy Snyder ortet eine erste Globalisierung und die Balkanisierung Europas

STANDARD: Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung hauptsächlich mit der Zwischen- und Nachkriegszeit in Mittel- und Osteuropa. Doch um diese Zeiten zu verstehen, muss man wohl den Ersten Weltkrieg und die Periode davor stark berücksichtigen.

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Snyder: Absolut, und zwar aus drei Gründen. Erstens gab es von den 1880er Jahren bis zum Weltkrieg eine erste Phase der Globalisierung, der unseren sehr ähnlich mit ihrer Expansion des Handels, des Kapitals und der Globalisierung der Ideen. Diese Entwicklung wurde durch den Krieg zerstört.

Das bedeutet, zweitens, dass man Vieles, was in den Zwanziger- bis Vierzigerjahren dann passierte, als Versuche sehen kann, wieder eine Globalisierung in Gang zu setzen. Die Sowjetunion ist so ein Versuch der Reglobalisierung, mit ihrer eigenen Ideologie, Vorstellung von der Zukunft und eigenem Wirtschaftssystem. Nazideutschland war ebenfalls so ein Versuch, ein autarkes Imperium in Eurasien zu schaffen. Auch der Aufstieg der USA kann in diesem Rahmen wahrgenommen werden, als dieses Land als Ergebnis des Ersten Weltkriegs plötzlich zur Supermacht wurde.

Drittens waren es die direkten Folgen des Kriegs selbst. Er machte Ideen plausibel, die vorher nicht plausibel waren. Und er erschwerte andererseits Ideen, die es schon gab und Terrain gewonnen hatten, wie Liberalismus, Fortschrittsglaube, Demokratie. Er ermöglichte die Karriere von Menschen wie Lenin, Stalin oder Hitler, die unter anderen Umständen keine Karriere gehabt hätten. Das waren die wichtigsten Gründe.

STANDARD: Die Zeithistoriker haben den Ersten Weltkrieg nach seinem Ende eher in nationalen Kategorien analysiert. Es gab ja enorme Meinungs- und Deutungsunterschiede in den Narrativen – den Terminus gab es damals allerdings noch gar nicht – bei deutschen, italienischen, britischen usw. Geschichtswissenschaftern.

Snyder: Damals war Geschichtswissenschaft nationaler organisiert als heute. Daher war der Weltkrieg für viele Historiker eine Art Triumph, ein „Ende der Geschichte” in erfreulicher Weise. Für tschechische oder polnische war es eine Geschichte mit Happy Ending. Ukrainische oder ungarische hingegen sahen den Lauf der Ereignisse als niederschmetternde Enttäuschung und Tragödie. Und für deutsche Historiker war es überhaupt unverständlich. Für sie wie für viele deutsche Bürger war der Ausgang des Kriegs gar nicht als „Geschichte” begreifbar, er war etwas, das man später einmal richten müsste – unerklärlich, wenn man den geistigen und wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands in den beiden vorangegangenen Generationen berücksichtigte.

STANDARD: Das alles hat ja zu den wachsenden nationalen Spannungen in Europa beigetragen. Gab es keine Versuche der Historiker, auf supranationalem Niveau die Geschehnisse zu begreifen, also das zu tun, was nach dem Zweiten Weltkrieg Historiker wie Politiker mit größerem Erfolg angegangen sind?

Snyder: Nun, die einfachste Form des Kosmopolitismus ist imperialer Kosmopolitismus. Historiker waren in Österreich vor 1914 sehr kosmopolitisch, zumindest in dem Sinn, dass sie zum Beispiel aus Slowenien oder Galizien kamen, Deutsch lernten, auf dem Weg zur Geschichtswissenschaft dann auch noch Französisch und Latein – und die allein schon auf Reisen durch die Monarchie sehen konnten, wie vielgestaltig die Welt sogar innerhalb dieses einen Reichs war. Überhaupt waren Historiker vor dem Ersten Weltkrieg oft Universalisten, sie hatten Kollegen auf der ganzen Welt. Man muss sich klarmachen, dass die vier Jahre des Kriegs das ruiniert haben, nicht nur unter Dichtern und Journalisten, sondern auch unter Gelehrten. Zu Beginn, 1914, gab es noch Versuche, sich über die Grenzen zu verständigen. 1918 war gab es das kaum noch. Der Krieg selbst hat natürlich diese kosmopolitischen Gemeinschaften zerstört. Er hatte eine nationalisierende Wirkung. Er zerstörte die Monarchie. Und danach gab es keine sinnvolle supranationale Institution, die etwa eine Akademie hätte führen können. Dafür gab es dann viele nationale Akademien.

STANDARD: Jetzt, hundert Jahre später, gibt es einen Jubiläumsanlass. Ist das eine gute Gelegenheit, mit neuen Deutungen die damalige Zeit zu verstehen, neue Bücher über 1914 zu schreiben? Oder eher nur ein Publikationsfestival?

Snyder: Alle Historiker lachen schon, weil 2014 eben diese Gelegenheit ist, alle Mögliche zu veröffentlichen. Chris Clark, der ein wunderbarer Historiker ist, ….

STANDARD: Er hat die „Schlafwandler” geschrieben.

Snyder: …. ja, er ist früh in dieses Spiel eingestiegen und hat jetzt schon das Buch veröffentlicht, das die Ereignisse als Kette eben von unbedachten, schlafwandlerischen Handlungen sieht.

STANDARD: Es ist gut, der Erste zu sein. Aber zu früh darf man auch nicht sein.

Snyder: Genau. 2012 wäre zu früh gewesen. Aber es ist ja nichts Schlechtes daran, in Jubiläen zu denken. So etwas wie ein 50. Hochzeitstag ist ja gut, da wir keine organischen Voraussetzungen mitbringen, um zu einem bestimmten Zeitpunkt über Vergangenes nachzudenken. Also schaffen wir solche Gelegenheiten.

Außerdem gibt es ja viele interessante neue Perspektiven auf den Ersten Weltkrieg. Eine größere Revision zum Beispiel ist, dass mehr und mehr Historiker sagen, dass man das Zarenreich doch eher als Aggressor sehen sollte. Der „Verteidigungsplan” Russlands sah immerhin die Eroberung Istanbuls vor. Es gibt auch interessante Arbeiten über die Sozialgeschichte des Kriegs. Dass der Kriegsbeginn zum Beispiel bedeutete, dass die Russen Hunderttausende Deutsche und Juden deportierten – was weltgeschichtliche Folgen hatte, denn es bedeutete den Anfang vom Ende der traditionellen jüdischen Siedlungsgebiete.

STANDARD: Des „Rayons” vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer. Wohin wurden sie umgesiedelt?

Snyder: Zum Teil in die Ostukraine, auch nach Moskau und St. Petersburg. Viele flüchteten auch nach Westeuropa, was die Lage destabilisierte und das Klischee von „den Ostjuden” förderte.

STANDARD: Warum hatte das Zarenreich das angeordnet?

Snyder: Es wurde damals antisemitischer. Die Begründung war, dass sie und die Deutschen Spione sein könnten. Die Juden wurden ja auch als germanophil gesehen, die besser Ausgebildeten unter ihnen sprachen Deutsch. Solche Aktionen radikalisierten die Menschen, nach rechts wie nach links. Manche von ihnen spielten später wichtige Rollen, in der russischen Revolution etwa und in Palästina.

Und nochmals, die Rückschau nach 100 Jahren schärft auch unseren Blick dafür, dass damals eine Globalisierung stattfand, die zerstört wurde. Wir sind zurzeit in einer Phase der Globalisierung. Wir sollten uns daran erinnern, dass sie wieder zerstört werden kann.

STANDARD: Sind sich die Historiker heute einiger als in den Zwanzigerjahren, was eine Erklärung der Ereignisse anbelangt. Bzw. gibt es Unterschiede weniger entlang nationaler Grenzen und mehr zwischen Denkansätzen?

Snyder: Ja, ich denke, da hat es einen Fortschritt gegeben. Zunächst einmal sind die Verläufe des Kriegs, die Schlachtfelder extrem gut recherchiert worden, fast im täglichen Verlauf. Das ist wichtig, um die Politik zu verstehen. Was in solchen Situation passiert, ist, dass die Kriegsgeschehnisse die Politik bestimmen und nicht umgekehrt. Wir sind jetzt an einem Punkt, an dem wir uns fragen: Wie ist es wirklich losgegangen? Also mehr als nur die Chronologie des Sommers 1914. Warum sind die Imperien wirklich untergegangen? Was hat das für den Aufstieg der USA bedeutet?

Und dann kommt eine neuere Frage dazu: Wann ist der Krieg tatsächlich zu Ende gegangen? Die klassische Antwort war bisher: Versailles, Trianon, St. Germain. Doch der Krieg hörte im Osten eigentlich bis 1922 oder 1923 nicht auf, da gab es die Russische Revolution, den Bürgerkrieg, die Kriege mit Polen, der Ukraine. Historiker sagen heute zum Gutteil, dass der Krieg erst mit der Schaffung der Sowjetunion 1922 zu Ende war.

STANDARD: Gibt es also kaum mehr eine Betonung nationaler Unterschiede im Rückblick?

Snyder: Ja, und das ist umso erstaunlicher, als dies bei der Betrachtung des Zweiten Weltkriegs sehr wohl der Fall ist. Da gibt es sehr wohl Polemiken über Schuld und Schuldlosigkeit. Etwa über die Kollaboration unter Ukrainern und Litauern, die wird sehr wohl als nationales Thema behandelt und nicht so, dass es bestimmte Menschen waren, die so gehandelt haben.

STANDARD: Wie würden Sie nun aus Ihrer Historikerwarte die Dynamiken beschreiben, die wissentlich oder unwissentlich zum Ersten Weltkrieg geführt haben?

Snyder: Ich würde keineswegs die Hauptfaktoren bestreiten, die meine Kollegen anführen. Ich denke, der Krieg war sehr wohl eine Folge der kolonialen Konflikte innerhalb Europas. Das musste passieren, da der Rest der Welt sozusagen aufgeteilt war. Er hatte auch mit der Unhaltbarkeit der imperialen Arrangements zu tun, vor allem im Hinblick aufs Osmanische Reich. Das hätte nicht ewig weitergehen können: dass man dieses Reich aufrecht erhielt, weil man nicht wusste, wie man es aufteilen wollte. Das osmanische Reich war, um einen krassen Vergleich zu nehmen, wie ein Organspender. Da gab es Nieren, eine Leber, ein Herz, und ich will das, und du willst jenes. Alle wollen den Organismus am Leben erhalten, aber jeder will seine Vorteile. Es war nicht klar, ob etwa Bulgarien eher ein russischer oder ein deutscher Satellitenstaat werden sollte.

Was ich darüber hinaus interessant finde, ist, dass der Krieg auf halbem Weg zur „Nationalisierung” Europas stattfand, wenn man ihn aus der Perspektive etwa von Serbien oder Griechenland oder Rumänien oder Mazedonien sieht. Der Untergang des Osmanischen Reiches begann nicht Ende des 19. Jahrhunderts, sondern mit Serbien und Griechenland im frühen 19. Jahrhundert – da begann die Geschichte der Nationalstaaten. Im frühen 20., in den Balkankriegen, beschleunigte sich dieser Prozess nur. Ironischerweise bedeutete das Ende des Kriegs nicht das Ende der Idee der Nationalstaaten, sondern deren Fortsetzung. Also diese Idee der Selbstbestimmung der Völker, bei der wir an Wilson oder Lenin denken, ist in Wirklichkeit eine Idee des Balkans.

Das Ende des Ersten Weltkriegs bedeutete die Balkanisierung Europas. So verstehe ich die europäische Geschichte insgesamt: nicht eine Angelegenheit der Französischen Revolution, in deren Folge alle Völker Republiken gründen wollten. Das Kräftespiel Monarchie vs. Republik halte ich nicht für entscheidend. Monarchien können modern sein. Das wirkliche Interessante an der Geschichte des Kontinents ist das Kräftespiel Imperien vs. Nationalstaaten und der überraschende Sieg der Nationalstaaten im Lauf der Jahrzehnte. Das Ergebnis des Weltkriegs lautete: Die Imperien sind besiegt, aber nur innerhalb Kontinentaleuropas.

STANDARD: Die Doppelmonarchie war am Ende. Das Zarenreich gab es nicht mehr. Deutschland wurde eine Republik. Es gab immerhin noch die außereuropäischen Imperien, vor allem der Briten und der Franzosen.

Snyder: Sogar das der Holländer gab es noch. Nur in Europa gab es sie nicht mehr. Man kann es auch so betrachten, wie es spezialisierte Historiker oft nicht sehen: als Prozess der Kolonialisierung und Dekolonialisierung. Diese Geschichte beginnt in Europa, im 19. Jahrhundert, mit dem Weltkrieg als Markstein der Dekolonialisierung – innerhalb Europas. Von hier verbreitet sie sich in den Rest der Welt.

STANDARD: Ist das eine unter Ihren Kollegen weithin vertretene Betrachtung?

Snyder: So habe ich die europäische Geschichte in meinen Veröffentlichungen beschrieben. Es sind meine Gedanken. Aber wenn das Interview erscheint, werden vielleicht viele Leute sagen, das seien auch ihre Gedanken. (lacht)

STANDARD: Um noch einmal auf den konkreten, unmittelbaren Anlass für den Weltkrieg zurückzukommen: Hätte die Geschichte einen anderen Verlauf genommen, wenn das Ultimatum an die Serben akzeptabler gewesen oder gar nicht übermittelt worden wäre?

Snyder: Geschichte ist nicht vorhersagbar. Ich denke, ein größerer Konflikt war abzusehen, denn Deutschland war in vieler Hinsicht die eindrucksvollste Macht auf dem Kontinent, im Sinne der Industrialisierung, der Schaffung von wissenschaftlichen und Ingenieurseliten, im Sinne auch des Selbstbewusstseins – das schwer zu messen ist, das es aber offensichtlich gab. Doch Deutschland war beim großen europäischen Wettbewerb zur Kolonisierung der Welt zu kurz gekommen…

STANDARD: Wie Österreich.

Snyder: …. ja, und so entstand die grundlegende deutsche Vorstellung der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts: Es muss ein deutsches Reich geben, weil wir es verdienen und brauchen, nur gibt es leider keinen Platz für ein solches Reich in der Welt, weil wir die britische Vorherrschaft nicht brechen können. Wir können davon träumen, aber wir schaffen’s nicht. Das scheint mir einer der zugrunde liegenden Gründe für den Konflikt, im Grunde für beide Weltkriege.

Ich denke aber, der Erste Weltkrieg musste nicht zwangsläufig stattfinden. Ich kann mir ein Szenario vorstellen, in dem die Monarchie noch einige Jahrzehnte existiert hätte. Die Habsburgermonarchie war sicherlich nicht zum Scheitern verurteilt – das war eher französische, britische und amerikanische Kriegspropaganda. Im Westen wird das immer noch geglaubt, weil, wie ich denke, wir ein schlechtes Gewissen gegenüber der Monarchie haben. Sie war letztlich nicht so schlecht, in vieler Hinsicht war sie besser und liberaler als die Vereinigten Staaten in jener Zeit. Wenn Conrad von Hötzendorf, der sicherlich immer nach Gründen für einen Krieg mit Serbien gesucht hat, wenn er vom Pferd gefallen wäre, wenn Kaiser Franz Joseph zehn Jahre jünger gewesen wäre, wenn sie irgendwie bis zum Frühjahr 1915 weitergewurstelt hätten, dann hätte es diesen Krieg nicht gegeben.

Und das ist nicht irgendwie verrückt den Tatsachen widersprechend: Es gab Viele in der österreichischen Elite, die nicht Conrads Haltung teilten.

STANDARD: Gerade etwa Franz Ferdinand, das Opfer des Attentats.

Snyder: Ja. Seine Ermordung war, wie wir wissen, ein sehr unwahrscheinliches Ereignis.

Timothy Snyder (44) ist Historiker mit dem Schwerpunkt Zwischenkriegszeit und Holocaust-Studien. Er ist Professor an der Yale University und arbeitet zurzeit am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien.

http://derstandard.at/1385169338646/Die-Habsburgermonarchie-war-nicht-zum-Scheitern-verurteilt

Die heimliche Kriegsleihgabe aus Fernost

FABIAN KRETSCHMER AUS PEKING
29. November 2013, 16:18
  • Das erste Angebot der chinesischen Führung, Soldaten zu schicken, lehnten die Briten nach ab, 1916 nahmen sie die Hilfe an: China schickte Arbeiter -zwischen 20 und 40 Jahre, im Schnitt 1,80 Meter groß und viele kampfkunsterprobt - nach Frankreich

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    foto: in flanders fields”-museum, belgien

    Das erste Angebot der chinesischen Führung, Soldaten zu schicken, lehnten die Briten nach ab, 1916 nahmen sie die Hilfe an: China schickte Arbeiter -zwischen 20 und 40 Jahre, im Schnitt 1,80 Meter groß und viele kampfkunsterprobt – nach Frankreich

  • Die chinesischen Studenten, die für Offiziere übersetzten, waren auch Bildungshelfer. Die Gastarbeiter organisierten Alphabetisierungsprogramme. Für die Gründungsväter der kommunistischen Partei galten sie als Pioniere.

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    foto: in flanders fields”-museum, belgien

    Die chinesischen Studenten, die für Offiziere übersetzten, waren auch Bildungshelfer. Die Gastarbeiter organisierten Alphabetisierungsprogramme. Für die Gründungsväter der kommunistischen Partei galten sie als Pioniere.


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Mehr als 140.000 Arbeiter schickte China im Ersten Weltkrieg nach Frankreich. Ihre Geschichte geriet in Vergessenheit, obwohl sie den Kriegsverlauf und auch die Entstehung der kommunistischen Volksrepublik prägten – mehr als der Partei lieb war.

Zu Tausenden standen die Männer Schlange, ganze Landstriche reisten am 15. November 1916 ins Hafenviertel nach Weihei – oder “Way High”, wie die britische Armee ihr damaliges Pachtgebiet an der chinesischen Ostküste taufte. Dort würden die ausländischen Offiziere Arbeitskräfte suchen, vernahmen die chinesischen Bauern. Sie hörten von der üppigen Bezahlung und dass es in ein Land gehen solle, das nicht nur auf demselben Breitengrad liegt wie ihre Heimatprovinz Shandong, sondern auch ebenso viele Einwohner zählt: Frankreich. Nach etlichen medizinischen Tests und rigidem militärischem Training blieben nur die belastbarsten Arbeiter übrig: im Schnitt 1,80 Meter groß, zwischen 20 und 40 Jahre alt, viele Kampfkünste-erprobt. Welche Gefahren sie in Europa erwarteten, merkten sie erst, als sie in Schiffe verfrachtet gen Westen fuhren.

Arbeiterlieferung

Während in Europa der Erste Weltkrieg wütete, war die drei Jahre vor Kriegsbeginn gegründete erste Republik Chinas vor allem mit ihren inneren Wirren beschäftigt. Erst im August 1917, nachdem japanische Streitkräfte die Hafenstadt Qingdao belagerten, erklärte China den Mittelmächten den Krieg. So die bekannte Geschichtsschreibung.

Doch bereits 1915 bot China den Briten heimlich an, Soldaten nach Europa zu schicken – was diese damals ablehnten. Nur ein Jahr später, als bei der Schlacht an der Somme allein im ersten Monat mehr als 180.000 britisch-französischen Soldaten starben, kam den geschwächten Westmächten das erneute Hilfsangebot, diesmal statt Soldaten Arbeiter zu schicken, mehr als gelegen. Nur eine Bedingung stellten die Chinesen: Ihre Landsleute dürften nicht in direkte Kampfhandlungen verwickelt werden. Ein Vertragspunkt, den die Europäer jedoch bald brachen. Die Arbeiter schufteten in Fabriken, transportierten Munition, beerdigten die Gefallenen und räumten ganze Frontgebiete auf. Ein gefährlicher Auftrag, den viele nicht überlebten: Mehr als 500 Mann starben bereits bei der Überfahrt durch einen deutschen Torpedoangriff, Hunderte weitere verloren ihr Leben im Bombenhagel oder aufgrund der grassierenden Grippeepidemie. Bis Kriegsende stieg die Zahl der Todesopfer auf nahezu 3000 an.

Das chinesische Staatsfernsehen, das sich erstmals 2009 in einer aufwändig produzierten Dokumentationsreihe mit der Beteiligung des Landes am Ersten Weltkrieg auseinandersetzte, proklamiert gar 20.000 Tote – eine Zahl, die zwar jeglicher wissenschaftlichen Grundlage entbehrt, doch offenlegt, dass auch ein Jahrhundert später die Geschichte der chinesischen Arbeitskräfte immer noch politisch instrumentalisiert wird.

Ihr Schicksal wurde lange totgeschwiegen: Während des Kriegs versuchte China, die Entsendung der Arbeiter aus militärischen Gründen geheim zu halten – es verletzte ja seine Neutralität. Frankreich und Großbritannien passte es nicht in ihr eurozentrisches Weltbild, auf die Hilfe des armen, unterentwickelten China angewiesen zu sein. Und in der 1949 ausgerufenen Volksrepublik folgte man der kommunistischen Sichtweise, nichts mit einem imperialistischen Krieg zu tun zu haben.

“Ich war selbst geschockt, als ich entdeckte, wie stark China vom Ersten Weltkrieg beeinflusst wurde”, sagt Xu Guoqi, Geschichtsprofessor an der Universität Hongkong.

Der für China enttäuschende Friedensvertrag von Versailles, der dem verfeindeten Japan das ehemals deutsche Pachtgebiet Kiautschou an der chinesischen Ostküste zusicherte, Chinas Kriegsbeteiligung jedoch nur mir ein paar alten astrologischen Gerätschaften aus der Qing-Dynastie würdigte, trieb im Mai 1919 tausende Studenten auf Pekings Straßen. Die Proteste gingen als Bewegung des 4. Mai in die Geschichte ein – die erste politische Massenbewegung des Landes und gleichzeitig die Geburtsstunde des chinesischen Sozialismus.

Seit seinem Doktorstudium in Harvard forscht Professor Xu über die chinesische Kriegsbeteiligung, seine Publikationen waren nicht zuletzt dafür mitverantwortlich, dass China anfing, sich mit diesem Kapitel seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Für die Gründungsväter der kommunistischen Partei waren die Gastarbeiter im Ersten Weltkrieg Pioniere: Deng Xiaoping, Zhou Enlai und viele weitere zogen in ihrer Jugend für Arbeits- und Studienprogramme nach Frankreich. “Dort folgten sie direkt den Fußstapfen der chinesischen Arbeiter”, sagt Xu.

Gelehrte Vagabunden

Eine besondere Rolle kommt den Studenten aus Fernost zu, die den Offizieren als Übersetzer dienten. In ihrer freien Zeit entwickelten sie Alphabetisierungsprogramme für die Arbeiter, sodass bis Kriegsende nahezu zwei Drittel von ihnen lesen und schreiben konnten.

Einer der Studenten, Yale-Absolvent James Yen, widmete später sein gesamtes Schaffen der “ländlichen Wiederaufbaubewegung”, die weite Teile der Landbevölkerung Chinas alphabetisierte. “Wurden die Chinesen von der Bevölkerung während des Kriegs noch wohlwollend aufgenommen, mussten sie kurz danach als Sündenbock für alle Verbrechen herhalten”, sagt Dominiek Dendooven, der vor drei Jahren für das “In Flanders Fields”-Museum im belgischen Ypern die erste große Ausstellung zum Thema kuratierte, im Standard-Gespräch.

Es sind so gut wie keine Besitztümer der Arbeiter erhalten geblieben, dennoch machte Dendoovens Team einen überraschenden Fund: aufwändige, mit Drachen und chinesischen Schriftzeichen dekorierte Muschelschalen.

Auf einer ist ein mehr als tausend Jahre altes Gedicht aus der Tang-Dynastie eingraviert: “In meiner Heimat habe ich mit Gelehrten verkehrt, hier bin ich nur ein Vagabund. Ich habe gehört, dass die Pflaumenblüten heuer schon früh erblühen; es ist kein Vergleich zum Frühling in diesem Land.” (Fabian Kretschmer aus Peking, DER STANDARD, 30.11.2013)

http://derstandard.at/1385169336436/Die-heimliche-Kriegsleihgabe-aus-Fernost

Die arabischen Provinzen gehörten zur Kriegsbeute

GUDRUN HARRER
29. November 2013, 19:19
  • Arabische Gefangene im Gefangenenlager Wünsdorf bei Zossen südlich von Berlin, 1915: "Pardon wird nicht gegeben. Gefangene werden nicht gemacht!", lässt Karl Kraus "Major Metzler" im V. Akt von "Die letzten Tage der Menschheit" sagen. Ursprünglich stammt das Zitat aus der "Hunnenrede" des deutschen Kaisers Wilhelm II., mit der dieser am 27. Juli 1900 in Bremerhaven die deutschen Truppen auf dem Weg nach China zur Niederschlagung des "Boxeraufstands" verabschiedete.

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    foto: archiv anton holzer

    Arabische Gefangene im Gefangenenlager Wünsdorf bei Zossen südlich von Berlin, 1915: “Pardon wird nicht gegeben. Gefangene werden nicht gemacht!”, lässt Karl Kraus “Major Metzler” im V. Akt von “Die letzten Tage der Menschheit” sagen. Ursprünglich stammt das Zitat aus der “Hunnenrede” des deutschen Kaisers Wilhelm II., mit der dieser am 27. Juli 1900 in Bremerhaven die deutschen Truppen auf dem Weg nach China zur Niederschlagung des “Boxeraufstands” verabschiedete.

  • Artikelbild
    foto: standard

Schon früh im Ersten Weltkrieg begannen die Briten, das Erbe des Osmanischen Reiches – mit dessen Zerfall sie rechneten – im Nahen Osten aufzuteilen, mit widersprüchlichen Versprechen.

In Syrien, dem Geburtsland des arabischen Nationalismus, kämpfen heute Jihadisten, die nicht nur das Assad-Regime stürzen, sondern den ganzen Staat auflösen wollen, um in der ganzen Region einen großen islamischen Staat zu errichten. Die “Sykes-Picot-Grenzen” – so genannt nach einem britischen und einem französischen Diplomaten – müssen verschwinden, heißt es in ihren Manifesten. Aber nicht nur sie stellen die Grenzen infrage: Ende September schreibt Robin Wright (US Institute of Peace) in der New York Times einen Artikel mit dem Titel “Imagining a Remapped Middle East”. Darin geht es nicht nur um den Zerfall von Staaten, sondern den Zusammenschluss von deren Überresten zu neuen.

“Ziemlich hereingelegt”

Der Erste Weltkrieg brachte das Ende des Osmanischen Reiches, aus dessen Provinzen später die arabischenNationalstaaten wurden. Schon in einer frühen Phase des Krieges begannen sich Großbritannien und Frankreich über ihre zukünftige Beute den Kopf zu zerbrechen. Mark Sykes (1919 an der Grippe verstorben, das Ende des Prozesses der Staatengeburten hat er also nicht mehr erlebt) diente während des Ersten Weltkriegs als Nahost-Spezialist im britischen “War Office”, sein französisches Gegenüber war François Georges Picot. “Ich fürchte, dieses Schwein Monsieur P. hat M. S. ziemlich hereingelegt”, schreibt ein britischer Diplomat über das Sykes-Picot-Agreement – korrekt Asia Minor Agreement – von Februar 1916.

Tatsächlich zeigte Sykes für die Ansprüche Frankreichs auf eine Einflusssphäre im Nahen Osten (Libanon und Syrien) viel Verständnis, während Teile der britischen Administration – besonders das Arab Bureau in Kairo, das Syrien selbst seinem Einflussbereich zugeschlagen hätte – darüber unglücklich waren. Noch nach dem Krieg versuchten die Briten, aus ihrem Teil des Pakts herauszukommen, es blieb aber dabei: Der Nahe Osten wurde – vereinfacht gesagt – aufgeteilt in Zonen, aus denen später die Völkerrechtsmandate und noch später die unabhängigen Staaten wurden.

Sazanow Dritter im Bunde

1916 war noch ein Dritter mit im Bunde, der ebenfalls ein paar Reste des Osmanischen Reiches abstauben wollte: der zaristische Außenminister Sergej Sazanow. Nach der Russischen Revolution im Oktober 1917 wurde das Geheimabkommen von den Bolschewiken publik gemacht – sehr zum Unbehagen eines Mannes, der seinen hohen Bekanntheitsgrad der Filmindustrie verdankt: T. E. Lawrence, Lawrence of Arabia, der für die Briten den Aufstand der Araber unter dem Scherifen von Mekka, Hussein, koordinierte beziehungsweise mit dessen Sohn Faisal kooperierte (der bald auf eigene Rechnung und nicht mehr für die Interessen seines Vaters arbeitete). Die Briten hatten dem Haschemiten Hussein in einem Briefwechsel 1915 eine (nicht klar definierte) Unabhängigkeit versprochen – er selbst dachte auch an das Kalifat -, wenn er sich gegen die Türken, die auch im Hijaz saßen, wandte.

Was die Briten nicht wussten: Hussein setzte deshalb auf sie, weil er erfahren hatte, dass ihn Istanbul loswerden wollte. Zudem war es den arabischen Nationalisten gelungen, Husseins Einfluss auf die Araber stark aufzubauschen – besonders das Arab Bureau in Kairo fiel darauf herein. Die große Erhebung blieb aber aus, und Faisals Truppe war ein wilder, militärisch unfähiger Haufen. Auch der angebliche Einzug der Araber in Damaskus, mit dem Faisal seinen Anspruch untermauern sollte, war eine Mär: Australische Soldaten waren zuerst da.

“Sterbendes Feuer”

Hussein selbst geriet immer mehr unter Druck des sich ausbreitenden Wahhabismus – die Sauds vertrieben ihn später aus Mekka. Sykes hatte 1915 den Wahhabismus noch für ein “sterbendes Feuer” gehalten.

Natürlich fehlt noch ein britisches Versprechen – das nachhaltigste – in der Aufzählung: die Balfour-Erklärung von 1917, in der der britische Außenminister den Zionisten, namentlich Chaim Weizmann, Unterstützung bei der Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina zusagte. Nicht nur die Briten, auch Weizmann selbst glaubte, die arabischen und die jüdischen Interessen in der Region ließen sich vereinen. Faisal sei Palästina egal und die Palästinenser erachte er nicht einmal als echte Araber, sagte Weizmann nach ihrem Treffen 1918. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 30.11.2013)

https://lampedusasolidarity.wordpress.com/wp-admin/post-new.php?post_type=post

Frankreichs “schrecklicher Sieg”

STEFAN BRÄNDLE AUS PARIS
29. November 2013, 19:18
  • Frontkämpferstatue im nordfranzösischen Ort Cappy im Département Somme.
    foto: reuters/rossignol

    Frontkämpferstatue im nordfranzösischen Ort Cappy im Département Somme.


Der “Große Krieg” ist auch nach hundert Jahren noch immer nicht ganz verwunden

Es gibt kaum etwas Trostloseres, als durch die weiten Ebenen Ostfrankreichs zu fahren. Überall Soldatenfriedhöfe und Hinweistafeln auf Schlachtfelder wie Verdun, Marne, Somme oder Chemin des Dames – jedes ein Symbol industrieller Kriegsführung und der Borniertheit ganzer Nationen. An all das würde man am liebsten nicht mehr denken. Doch zwischen Lothringen und der Champagne stößt der Erste Weltkrieg weiterhin seine Überreste aus. Manchmal findet ein Bauer eine Granate im Erdreich, manchmal fährt ein Pflug in ein verrostetes Eisenstück. In Massiges, einem Schauplatz der Marneschlacht, kamen noch kürzlich zwei Soldatenskelette an die Oberfläche.

Diese Relikte gesellen sich zu den Kriegsdenkmälern, den “Monuments aux morts”, die in jedem französischen Dorf zu finden sind und Kunde geben vom furchtbaren Blutzoll, den die Franzosen im Ersten Weltkrieg entrichteten (für den Zweiten Weltkrieg wurden die weniger zahlreicheren Namen nur noch angehängt). Deshalb spricht man in Paris auch von “Grande Guerre”, vom Großen Krieg. Jede französische Familie verlor einen der ihren oder sah sie nur als “gueule cassée” wieder, das heißt mit zusammengeflickter Visage oder Seele.

Trostlose Zahlen

Auch Zahlen können furchtbar trostlos sein. 1.320.000 französische Soldaten fielen in diesem mörderischsten KriegFrankreichs, mehr als vier Millionen wurden verletzt, im gleichen furchtbaren Ausmaß wie Deutsche, Russen, Österreicher, Engländer oder andere Alliierte. Allein vor der Provinzstadt Verdun, die heute eine begrünte Mondlandschaft aus Bombenkratern und Schützengräben umgibt, wurden 600.000 Mann geopfert, und dies für keinerlei Geländebeginn, für keinen strategischen Durchbruch – für nichts.

Im Sommer 1917 explodierten dort in einer einzigen Woche fünf Millionen Geschoße. Das macht, wie ein Militärhistoriker ausrechnete, sechs Tonnen pro Meter Front. Die Soldaten erlitten, wenn sie von den Granaten nicht zerfetzt wurden, auf die Dauer meist einen “shell shock”, wie die Briten sagen. Viele Frontkämpfer drehten unter dem dauernden Bombenhagel und -getöse ganz durch und landeten im Irrenhaus. Auf ihre Spuren stößt man in Frankreich ebenfalls noch heute. Im Ort Cadillac unweit von Bordeaux findet sich etwa ein vergessener Friedhof mit 900 “mutilés du cerveau” (wörtlich: Hirnkrüppeln), und wer vor wenigen Jahren noch zwischen den Gräbern über den Kies schritt, stieß makabrerweise auf Knochensplitter. An wahnsinnig gewordenen Schlachtfeldveteranen zählte Frankreich mehr als hunderttausend. Von der offiziellen Geschichtsschreibung wurden sie weitgehend ausgeblendet.

Rehabilitation – Ja oder Nein?

Erst jetzt füllt Frankreich die letzten Lücken im Gedenken an den Krieg, der so nichts von einem “großartigen” (das kann das Wort “grand” auch bezeichnen) hat. Anlass bietet natürlich der 100. Jahrestag, den Frankreich weit ausführlicher begeht als etwa Deutschland. Der Minister für Kriegsveteranen, Kader Arif, lancierte zum Beispiel schon im Oktober eine öffentliche Debatte, ob die bis zu 650 Meuterer und Defätisten der französischen Armee, die im Ersten Weltkrieg standrechtlich erschossen worden waren, rehabilitiert werden sollten. Arif will sie, wie er meint, “wieder in das nationale Gedenken integrieren”.

Gewisse Kriegsaspekte bleiben in Frankreich aber auch hundert Jahre später zu präsent, um gelassen aufgearbeitet werden zu können. Das gilt unverständlicherweise auch für die Verbrüderung von Soldaten der verfeindeten Lager. Deutsche und französische Soldaten waren zu Weihnachten 1914 aus den – teilweise auf Rufweite nahen – Schützengräben geklettert und hatten zusammen die Geburt Jesu gefeiert, unter anderem zu Liedern eines bayrischen Tenors, den die Franzosen am eifrigsten beklatschten.

Gäbe es ein schöneres – gelebteres! – Bekenntnis für ein geeintes Europa? Der Dokumentalfilmer Christian Carion hat eine Petition gestartet, um zu Weihnachten 2014 einen Gedenkstein an dem Ort des Geschehens zu errichten. Allein, die offiziellen Stellen und auch die Armeestäbe zeigen dem Anliegen die kalte Schulter. Wo käme man hin, wenn sich alle Soldaten der Welt über die Schützengräben hinweg verbrüderten?

Selbst die in Paris heute so eifrig zelebrierte deutsch-französische Freundschaft stößt bei der historischen Aufarbeitung an Grenzen. Weil 100 Jahre nicht genügen, die erbitterten und kopflosen Grabenkämpfe bei Verdun vollständig auszumerzen? Weil die einen zu den Gewinnern gehörten, die anderen zu den Verlierern? Der gutpatriotische Historiker Max Gallo nennt seinen neuen, zweibändigen Abriss 1918 im Untertitel “der schreckliche Sieg”. Schrecklich, aber immerhin. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 30.11.2013)

http://derstandard.at/1385169356556/Frankreichs-schrecklicher-Sieg

Die mit dem Koffer ins okkupierte Land kamen

ADELHEID WÖLFL AUS SARAJEVO
29. November 2013, 19:20

Die Leute, die ab der Okkupation 1878 aus der Monarchie nach Bosnien-Herzegowina kamen, wurden von der lokalen bosnischen Bevölkerung “kufera si ” genannt – die, die einen Koffer tragen.

Manche sagen, das Wort käme vom Reisegepäck der k. u. k. Beamten, das man hier noch nie gesehen hatte. Andere meinen, der Ausdruck “kuferasi” stamme von der Kaste der Handelsvertreter aus der Monarchie, die bis in den letzten Winkel des Okkupationsgebietes vordrangen und ihre Musterkoffer mithatten. “Ganz im Sinne der Hoffnung der österreichisch-ungarischen Politiker nicht nur machtpolitisch, sondern wirtschaftlich in den Balkan zu expandieren”, erklärt die Wiener Historikerin Tamara Scheer. Die Firmenvertreter und die reisenden Beamten hätten – etwa zur Landesvermessung und Grundbucherstellung – ständig den Koffer mit sich herumgeschleppt.

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Sicher ist: Ein “kuferasi” ist jemand, der einen Koffer trägt. Und im Okkupationsgebiet Bosnien-Herzegowina wurde der Ausdruck – neben dem Ausdruck “Svaba” – irgendwann einfach für Leute verwendet, die aus der Monarchie kamen. Mitunter war auch wichtig, was alles in den Koffer hineinpasste. “Ein anderes war das Wort ‘Kuferasch’, worunter man den mit leerem Koffer nach Bosniengekommenen und mit vollem Koffer, also reich, aus Bosnienabgehenden österreichischen Beamten – ungarische gab es sehr wenige – verstand”, schreibt der Balkankenner Franz Baron Nopcsa in seinen Lebenserinnerungen Anfang des 20. Jahrhunderts.

Schon damals waren es vor allem die Ausländer, die die gut bezahlten Jobs bekamen. 1912 schrieb die Zeitung Zemanüber die “kuferasi”: “Auch heute sind alle wichtigeren Beamtenstellen in den Händen der Fremden. Der Minister, der Landeschef, der Ziviladlatus, 5 Sektionschefs im Ministerium, 4 Sektionschefs bei der Regierung, 7 Hofräte, 9 Regierungsräte, der Obergerichtspräsident, der Präsident der Handelskammer sowie der Advokatenkammer, 6 Kreisgerichtspräsidenten, 4 Kreisvorsteher, 47 Bezirksvorsteher, 17 Gerichtsrate, 44 Steuereinnehmer (…) all das ist ein Fremder, alles ein eingefleischter Kuferasch. Österreich-Ungarn hat dieses Volk nicht kultiviert, sondern Brot für seine Landsleute verschafft.”

Billiges Leben in Mostar

Tatsächlich ging es den k. u. k. Soldaten und Beamten ziemlich gut. “Garnisonen wie Sarajevo und Mostar galten als günstig, und die schlecht bezahlten Offiziere konnten hier weit besser leben und sich mehr leisten als etwa in Graz, Triest, Budapest oder Prag”, erzählt Scheer, die am Ludwig-Boltzmann-Institut für Historische Sozialwissenschaft arbeitet. Sie zitiert den k. u. k. Offizier Joseph Stürkgh, der Anfang der 1880er in Bosnien-Herzegowina war: “Das Leben war billig, halbwegs gute Wohnungen fand man unschwer, und verheiratete Offiziere und Beamte lebten dort mindestens ebenso leicht, ja vielfach leichter und zweifellos angenehmer als in vielen Inlandsorten.” Offiziere und ihre Familien nahmen “unbestritten den ersten gesellschaftlichen Rang” ein, so Stürkgh. Dieses Elitenbewusstsein wurde durchaus zur Schau getragen. “In Bosnien-Herzegowina dürfte man sich weit mehr als in anderen Garnisonen als große Herren, als überlegene, deutschsprechende gesellschaftliche Gruppe in der Öffentlichkeit präsentiert haben”, sagt Scheer. Das führte nicht nur zu Spannungen, man machte sich auch lustig. “Jene, die wir zur Kultur und Ordnung führen sollten, hatten für uns häufig nur das Gefühl des Hasses und der Verachtung und nannten uns missachtend Svabas”, schrieb Stürkgh.

“‘Kuferasi’ war wiederum ein Ausdruck dafür, dass man sich gegenseitig als exotisch und ungewöhnlich sah”, erklärt Scheer. Tatsächlich erwarteten sich die “kuferasi” einen orientalischen Kulturkreis. Scheer zitiert Anton Lehár, der 1893 hierher kam: “Der Bürgermeister hatte noch vier Frauen. Unsere Offiziersdamen besuchten sie im Harem. Sie kamen stets enttäuscht zurück. Es wollte sich dort absolut nichts Romantisches ereignen.” Die Bedeutung des Worts “kuferasi” hat sich heute völlig verändert. “Das sind die Leute, die im letzten Krieg aus dem Sandschak, der Herzegowina oder aus Ostbosnien hierher gekommen sind und nur einen Koffer bei sich hatten”, sagen die Leute in Sarajevo unisono. (Adelheid Wölfl aus Sarajevo, DER STANDARD, 30.11.2013)

http://derstandard.at/1385169357810/Die-mit-dem-Koffer-ins-okkupierte-Land-kamen

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