Kein Weiterso möglich nach Franziskus programmatischem Dokument für Mitmenschlichkeit: Lehrschreiben, «Evangelii Gaudium» (alsPDF)

Erstes Schreiben des Papstes

Die Kirche neu denken

Stefan Reis Schweizer

Seit Papst Franziskus im März dieses Jahres ins Amt gekommen ist, hört man aus dem Vatikan kraftvolle neue Töne, die der frühere Erzbischof von Buenos Aires eindrücklich durch seine persönliche Lebensführung unterstreicht. Nicht nur Katholiken lässt das immer wieder erstaunen. Franziskus hat sich mit seinen 76 Jahren viel vorgenommen, er will die Kirche radikal verändern, alte Verkrustungen aufbrechen und stellt besonders die Option für die an den Rand Gedrängten, die «Armen», in den Mittelpunkt. Er versteht es, die Botschaft des armen Wanderpredigers Jesus von Nazareth wieder neu ins Bewusstsein zu rufen und sie für unsere Zeit zu übersetzen. Dies unterstreicht er nun mit seinem ersten Lehrschreiben, «Evangelii Gaudium» (alsPDF), das von manchen bereits als revolutionär gefeiert wird.

Nicht weiter wie bisher

Was der Papst bisher in Predigten, Ansprachen und Interviews geäussert hat, bekommt nun als offizielles Lehrschreiben eine neue Verbindlichkeit und Relevanz. Wir haben es gleichsam mit einem Grundsatzdokument des immer noch jungen Pontifikats zu tun. Franziskus selbst spricht von der «programmatischen Bedeutung» seines Schreibens. Schon der Stil ist anders als bisher gewohnt. Franziskus schreibt in der «Ich»-Form statt im abgehobenen Pluralis Majestatis, er lädt ein, sich auf seine Vorstellungen einzulassen. Sie haben das Potenzial, die grösste Glaubensgemeinschaft der Erde nachhaltig zu verändern. Ein Weiter-wie-bisher scheint da kaum möglich, ob es jetzt um Kardinäle, Bischöfe, Priester, Ordensleute oder das Kirchenvolk insgesamt geht.

Wem das Zweite Vatikanische Konzil (1962 bis 1965) noch in lebendiger Erinnerung ist, dürfte manches in dem päpstlichen Schreiben sehr geläufig vorkommen. Franziskus macht sich nun, 50 Jahre später, an eine konsequente Umsetzung. So soll etwa die Stellung der Bischöfe gestärkt werden, die in ihrer Zuständigkeit mehr selbst regeln sollen. Der Papst spricht hier von einer «heilsamen Dezentralisierung». Das ist naheliegend, ist doch der Ortsbischof besser mit vielen Vorgängen vertraut, als man es in der römischen Zentrale sein kann. Auch die Praxis der Bischofsernennungen sollte überdacht werden, bei denen Rom mittlerweile eine unangemessen grosse Rolle einnimmt.

Umgekehrt spricht sich der Papst gegen eine «übertriebene Zentralisierung» aus. Diese Aussage zielt zum einen auf die römische Kurie, deren Reform Franziskus bereits zusammen mit einem Kardinalsrat angeht. Zum andern regt er wie sein Vorgänger Johannes Paul II. an, über die künftige Gestalt des Papsttums zu diskutieren: «Ich glaube nicht, dass man vom päpstlichen Lehramt eine endgültige oder vollständige Aussage zu allen Fragen erwarten muss, welche die Kirche und die Welt betreffen.» Damit wird er die Katholiken enttäuschen, die immer nur nach Rom schauen, wenn es in der Kirche etwas zu entscheiden gibt. Mit seiner Kurienreform macht er sich bereits jetzt bei kirchlichen Funktionären höchst unbeliebt.

Das nun schon oft aus dem Schreiben zitierte Wort von einer «verbeulten, verletzten und beschmutzten Kirche», die auf die Strassen hinausgehen und sich nicht an ihre eigenen Sicherheiten klammern soll, ist für jeden Christen eine Aufforderung zum Handeln. Schon der Theologe Karl Rahner (1904–1984), ein Jesuit wie Franziskus, warnte vor einer Kirche als einem Ofen, der nur sich selber wärmt. Franziskus will weg von einer Kirche, die nur mit sich selbst beschäftigt ist. Nimmt man dies ernst, hat es weitreichende Konsequenzen für die Kirche insgesamt und für jeden Einzelnen.

Der Papst will die Gläubigen aufrütteln, will sie herausholen aus ihrer Selbstgefälligkeit, möchte einen «Zustand permanenter Mission» für die Kirche. Sie sollen «wagemutig und kreativ» sein, sich die Hände schmutzig machen, sich um Arme und Benachteiligte kümmern und nicht in falscher Selbstgerechtigkeit hinter Kirchentüren und Klostermauern bleiben. Zu den Bedürftigen zählt er auch Menschen in neuen Formen der Sklaverei, etwa in ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen. Wer die Kirche nur unter dem Aspekt ihrer Heiligkeit wahrnimmt, sie nur von ihrer vermeintlich unveränderlichen Tradition her wahrnimmt, wird Schwierigkeiten mit einem solchen Kirchenbild haben. Doch Franziskus erinnert die Kirche nur an ihre ureigenste Aufgabe, die Botschaft Jesu aktiv weiterzutragen.

Kein geborener Revolutionär

Schon wird beklagt, Franziskus mache sich zwar für die Armen stark, nehme aber tiefergreifende theologische Reformen nicht in Angriff, wie etwa jene zur Rolle der Frauen in der Kirche. Sie sollen zwar Wichtiges mitentscheiden, aber der Papst spricht sich klar gegen eine Priesterweihe für Frauen aus. Das ist ohne Zweifel unbefriedigend. Franziskus ist wohl nicht der geborene Revolutionär. Aber er geht neue Wege und lässt sich in seinen Überzeugungen nicht so leicht beirren. Einen markanten Anfang hat er mit «Evangelii Gaudium» bereits gesetzt.

 

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