Explosive Konflikte in Moçambique: Das Gespenst des Bürgerkriegs: Regierung rüstet mit Hilfe vieler Länder (USA, Frankreich,….) auf, statt den Dialog zu suchen! Nach dem Ende des Bürgerkriegs im Jahr 1991 verlangten die Weltbank und der Internationale Währungsfonds die Privatisierung der Staatsbetriebe. Moçambique geriet in eine Ära des wilden Kapitalismus. Die «Elite» der linken Regierungspartei, Frelimo, eignete sich viele dieser Betriebe an und bereicherte sich ungebremst – auch die Familie von Joaquim Chissano, Präsident von 1986 bis 2004. Mangelnde unternehmerische Erfahrung und wachsende Korruption im Land hielten die Bretton-Woods-Institutionen nicht davon ab, an ihrem Kurs festzuhalten. Als die Mosambikanische Handelsbank (Banco Comercial do Moçambique) privatisiert wurde, versickerten 14 Millionen Dollar. Der Chef der Bankenaufsicht, Antonio Siba-Siba Macuacua, und Moçambiques bekanntester investigativer Journalist, Carlos Cardoso, untersuchten den Fall und wurden ermordet.

Explosive Konflikte in Moçambique

Das Gespenst des Bürgerkriegs

Reportagen und Analysen Heute, 10:00
Mosambikaner fliehen nach einem bewaffneten Angriff auf eine Polizeiwache in Maringue im Landesinnern.
Mosambikaner fliehen nach einem bewaffneten Angriff auf eine Polizeiwache in Maringue im Landesinnern.(Bild: ANDRE CATUEIRA / Epa)
Trotz ruhig verlaufenen Lokalwahlen spitzt sich die Situation in Moçambique zu. Zur verbreiteten Armut, Korruption und Kriminalität kommt der wieder aufgeflammte Konflikt zwischen den einstigen Bürgerkriegsgegnern Frelimo und Renamo.
Jonathan Wild

AA Moçambique in Südostafrika ist ein Schwerpunktland der schweizerischen Entwicklungszusammenarbeit. Es gilt als afrikanischer Boomstaat, gehört aber zu den ärmsten Ländern der Welt. Die Lebenserwartung beträgt 49 Jahre. Als 1991 der sechzehnjährige Bürgerkrieg endete, bildete Moçambique mit 80 Dollar durchschnittlichem Jahreseinkommen das Schlusslicht in der Weltbank-Statistik. Heute sind es zwar 579 Dollar, aber nur 13 Länder stehen noch schlechter da. Die Einschulungsquote ist konstant gestiegen und liegt nun bei knapp 90 Prozent. Doch vielen Lehrern fehlt die nötige Ausbildung, und nur jedes fünfte Kind absolviert mehr als sechs Schuljahre. Die Alphabetisierungsrate nahm in den letzten zwanzig Jahren trotzdem von 14 auf 43 Prozent zu.

Kriminelle Privatisierung

Nach dem Ende des Bürgerkriegs im Jahr 1991 verlangten die Weltbank und der Internationale Währungsfonds die Privatisierung der Staatsbetriebe. Moçambique geriet in eine Ära des wilden Kapitalismus. Die «Elite» der linken Regierungspartei, Frelimo, eignete sich viele dieser Betriebe an und bereicherte sich ungebremst – auch die Familie von Joaquim Chissano, Präsident von 1986 bis 2004. Mangelnde unternehmerische Erfahrung und wachsende Korruption im Land hielten die Bretton-Woods-Institutionen nicht davon ab, an ihrem Kurs festzuhalten. Als die Mosambikanische Handelsbank (Banco Comercial do Moçambique) privatisiert wurde, versickerten 14 Millionen Dollar. Der Chef der Bankenaufsicht, Antonio Siba-Siba Macuacua, und Moçambiques bekanntester investigativer Journalist, Carlos Cardoso, untersuchten den Fall und wurden ermordet. Jahre später schien es so gut wie sicher, dass der Auftraggeber der Morde Präsident Chissanos ältester Sohn Nyimpine war. Er starb, als die Untersuchungen noch liefen, im November 2007 angeblich an einer Gehirnblutung. Laut Gerüchten soll er sich jedoch nach Brasilien abgesetzt und einer Gesichtschirurgie unterzogen haben. Einen Monat zuvor hatte der Vater Joaquim Chissano als erster afrikanischer Staatsmann aufgrund seiner Verdienste um die Versöhnung der Bürgerkriegsparteien den Mo-Ibrahim-Preis für korruptionsfreies Regieren erhalten.

Explosive Konflikte

Seit 2005 heisst Moçambiques Präsident Armando Guebuza. Viele nennen ihn «Mr. Gue-Business». «Es dürfte nur wenige Unternehmen von einiger Grösse in Moçambique geben, die Guebuza nicht besitzt, nicht als ‹Socio› mitbeherrscht oder über seine Familie und sein klientelistisches Netzwerk beeinflusst», schrieb die NZZ vor seinem Amtsantritt. 2014 endet seine zweite Amtszeit, die Kandidatur für eine dritte verbietet die Verfassung.

 

In die Ära Guebuza fallen Jahre mit einem Wirtschaftswachstum von bis zu 8 Prozent. In diversen Landesteilen wurden Rohstoffe entdeckt, Kohle vor allem und Gas, aber auch Edelsteine, Erze, Gold und andere Edelmetalle. Und doch ist Guebuza heute so unbeliebt wie kein Präsident vor ihm. Am meisten Sorge bereitet der Bevölkerung eine radikale Verschlechterung der Sicherheit. In den grössten Städten des Landes werden regelmässig Geschäftsleute oder ihre Familienangehörigen entführt, auch Kinder. Manche Unternehmer verlassen das Land. 

Im Oktober kam es ausserdem erstmals seit Ende des Bürgerkriegs zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den einstigen Gegnern Frelimo (Regierungspartei) und Renamo (Oppositionspartei). Zuvor hatten sich die Parteiführer wiederholt zu Gesprächen getroffen, allerdings ohne sich zu einigen. Der Renamo-Chef Afonso Dhlakama forderte für seine Partei das gleiche Recht, die Auszählung von Wahlergebnissen zu überwachen, wie es die Frelimo für sich beanspruchte. Diese hatte wiederholt Wahlen gefälscht. Doch Guebuza weigerte sich nachzugeben.

Internationale Implikationen

Seit Juni rächt sich der Renamo-Chef Dhlakama, indem er an einer stark befahrenen Strasse im Landeszentrum vereinzelt Lastwagen und Autos beschiessen lässt. Um diesem Treiben ein Ende zu setzen, liess der Präsident am 21. Oktober das Lager Dhlakamas stürmen. Dieser hatte sich mit seinen Getreuen aber zuvor zurückgezogen und hält sich seither an unbekanntem Ort versteckt, während ein Teil seiner zersplitterten Hausmacht nach wie vor Zivilfahrzeuge attackiert, was immer wieder Tote fordert.

Die Faktenlage ist verworren. Statt so rasch wie möglich mit Dhlakama ins Gespräch zu kommen, rüstet Guebuza die Armee auf: In Rumänien, Russland und den USA kauft er Flugzeuge und in Frankreich Kriegsschiffe – Letztere für 200 Millionen Euro. Da die Bahnlinie von Simbabwe zum Hafen von Beira durch das von Renamo-Überfällen bedrohte Gebiet führt, erwägt Simbabwe, Guebuza beizustehen, falls es zum Krieg kommen sollte. Und Brasilien, das in dem Gebiet grosse Landwirtschaftsflächen gepachtet hat und dessen Bergbau-Konglomerat Vale die Bahnlinie für Kohlentransporte braucht, bot ihm Flugzeuge an.

Straflose Entführungen

Während neue Kriegsängste die Traumata der Vergangenheit revitalisieren, grassiert in den Städten noch ein zweites Übel: Die Zahl der Entführungen ist im Oktober geradezu explodiert. In manchen Fällen kooperieren Polizisten mit den Kidnappern. Vor kurzem wurde ein entführtes Kind umgebracht – Minuten nachdem seine Eltern die Polizei über die Lösegeldübergabe informiert hatten. Immer mehr Menschen wagen sich kaum noch auf die Strasse.

Als Mandant der ersten Entführungsserie wurde 2012 ein junger Geschäftsmann namens Bakhir Ayoob identifiziert, dessen Ehefrau angeblich Guebuzas Patentochter ist. Er wurde zwar verhaftet, aber eine Woche später auf richterliches Geheiss wieder freigelassen und tauchte daraufhin ab. Ebenfalls zum Dunstkreis des Präsidenten gehört ein gewisser Mohammed Bachir Suleman, der als Wohltäter gilt – er finanzierte die grösste Moschee und ein superelegantes Shoppingcenter in der Hauptstadt –, dem die USA aber vorwerfen, ein Drogenschieber zu sein und Moçambique zu Afrikas zweitgrösster Drogendrehscheibe gemacht zu haben. Schon unter Chissano liess Suleman die Frelimo-Spitze an seinen Gewinnen teilhaben. Die Presse duckt sich, das Schicksal Carlos Cardosos wirkt einschüchternd.

Derweil liegen das Gesundheits- und das Schulwesen darnieder, und in den Regionen, wo bald der Ressourcenabbau beginnt, wehrt sich die Bevölkerung gegen ihre Vertreibung. Organisiert durch Moçambiques Liga der Menschenrechte, fanden Ende Oktober in mehreren Städten die grössten Kundgebungen seit der Staatsgründung von 1975 statt. Die Zahl der Demonstranten blieb jedoch – mit 10 000 in der Hauptstadt Maputo – bescheiden: Es fehlt eine gut ausgebildete Mittelschicht, die auf die fehlgeleitete Politik Einfluss nehmen könnte.

Am Dienstag griffen Renamo-Kämpfer eine Polizeistation und ein Gesundheitszentrum nördlich der Küstenstadt Beira an. Das Verteidigungsministerium droht mit Vergeltung.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/reportagen-und-analysen/das-gespenst-des-buergerkriegs-1.18198138

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