Francaafrique schult seit der Zeit De Gaulles in Afrika vor allem Diktatoren -mit denen es seine wirtschaftlichen Interessen in Afrika nach Ende des Kolonialismus sichert! Wenn diese Diktatoren die demokratischen Bewegungen nicht mehr beherrschen können, kam ihnen regelmäßig französisches Militär zu Hilfe! Deshalb muss man sehr skeptisch sein, wenn Frankreichs herrschende Schicht davon redet, den Menschen helfen zu wollen!

Françafrique – eine Schule der Diktatoren

Frankreichs Afrikapolitik in der Kritik

Von Ruth Jung

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy (rechts) begrüßt den damaligen Staatschef von Gabun, Omar Bongo, vor dem Elysee Palast im Juli 2008.

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy (rechts) begrüßt den damaligen Staatschef von Gabun, Omar Bongo, vor dem Elysee Palast im Juli 2008. (AP)

<em>”Afrika ohne Frankreich ist wie ein Auto ohne Fahrer. Frankreich ohne Afrika ist wie ein Auto ohne Benzin.”</em>

Ein Ausspruch von Omar Bongo. Über 41 Jahre beherrschte der “dienstälteste” afrikanische Diktator das erdölreiche Gabun. Ein Veteran der sogenannten Françafrique.

Das von de Gaulle etablierte Geflecht politischer, strategischer und ökonomischer Beziehungen sichert Frankreichs Interessen in Afrika nach dem Ende des Kolonialismus.

Nachdem Omar Bongo im Juni 2009 starb, wurde offenkundig, wie tief Frankreich in Afrika in Korruption und Wahlbetrug verstrickt ist. Jacques Chirac wird vorgeworfen, er habe sich seinen Präsidentschaftswahlkampf 1981 von Omar Bongo finanzieren lassen. Eigentlich wollte Nicolas Sarkozy Schluss machen mit den Machenschaften der Françafrique.

Er rief 2010 zum “afrikanischen Jahr” aus und fordert eine tief greifende Reform. Aber wie soll die aussehen, wenn die Geschäfte bestens laufen?

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DEUTSCHLANDFUNK Sendung:
Hörspiel/Hintergrund Kultur Dienstag, 14.09.2010
Redaktion: Karin Beindorff 19.15 – 20.00 Uhr

Françafrique. Eine Schule der Diktatoren
Frankreichs Afrikapolitik in der Kritik

Von Ruth Jung

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? Deutschlandradio
– Unkorrigiertes Manuskript –

Atmo Klatschen

O-Ton Sarkozy
Nous avons parlé de toutes les questions difficiles et je voudrais dire à mes amis ( … ) Président Biya, Président Bongo, Président Sassou, tous ceux avec qui on a pu
parlé, on a pu parlé franchement. A quoi ça sert d’être ami si on ne peut pas évoquer les questions …

Sprecher:
Sie massakrierten dreihundert bis vierhunderttausend Personen. Unbestreitbar ein Genozid. Sie haben praktisch die gesamte Ethnie ausgerottet. Automatische Schnellfeuerwaffen gegen Lanzen: die Bamilékés hatten keine Chance. Ihre Dörfer wurden einfach ausradiert, gleich Attila sind sie über sie hergefallen. Frankreich schickte im Frühjahr 1960 eine ganze Armee nach Kamerun: fünf Bataillone, ein Panzerschwadron, Bomberstaffeln des Typs T 26. An seiner Spitze: General Max Briand, genannt der Wikinger. Dem blonden Koloss eilte sein Ruf voraus: in Indo-China kommandierte er zwei Jahre lang die berüchtigte 22.Division, sie machte Jagd auf Vietcong.

Musik

Ansage
Françafrique. Eine Schule der Diktatoren
Frankreichs Afrikapolitik in der Kritik
Ein Feature von Ruth Jung

O-Ton Odile Tobner C’était une émission … les raisons allégués etaient assez ridicule
Sprecherin 1:
Da war der Vorfall mit der Fernsehsendung: ich war eingeladen zu einer Gesprächsrunde in einer beliebten Sendung, Ce soir ou jamais (Heute abend oder nie). Angesagt war eine Debatte über Afrika und die Unabhängigkeitsfeiern mit Jacques Toubon, dem Regierungsbeauftragten für die Feierlichkeiten. Eine Stunde
vor Beginn der Sendung teilte man mir mit, dass ich von der Gästeliste gestrichen worden sei, mit einer derart fadenscheinigen Begründung, dass es lächerlich war.

Autorin:
Odile Tobner sind solche Reaktionen nicht neu. Die 74-Jährige ist Vorsitzende von Survie, einer unabhängigen Assoziation, die seit 25 Jahren für eine faire und transparente Afrikapolitik streitet. Damit macht man sich nicht beliebt.

O-Ton Odile Tobner Je pense qu’on subi ici le … concernant l’Afrique ( … ) La complicité est totale … de lutte contre la corruption
Sprecherin 1:
Man will unsere Stimme nicht hören in diesen Institutionen, in Medien, die ein größeres Publikum ansprechen. Und man muss einfach sehen, dass es eine
Zensur gibt, sie hat Tradition, eine fortgesetzte Zensur, die Auswirkungen
hat auf das, was über Afrika gesagt wird. Die Komplizenschaft ist absolut, die Komplizenschaft mit korrumpierten und oft kriminellen afrikanischen Machthabern. Nirgends wird die Respektierung der Menschenrechte und die Bekämpfung der Korruption eingefordert.

Autorin:
1960 wurden die 14 frankophonen Länder Afrikas in die Unabhängigkeit entlassen.
2010 “feiert” die ehemalige Kolonialmacht 50 Jahre ‘Unabhängigkeit’, unter anderem mit einer Militärparade afrikanischer Soldaten auf den Champs Elysées am französischen Nationalfeiertag, dem 14. Juli.

Sprecher:
“Déliberons nous de 50 ans de la Françafrique! Befreien wir uns von 50 Jahren Herrschaft von Françafrique.”

Autorin:
So lautet dagegen die Losung von Survie. Françafrique bezeichnet das nachkoloniale französisch-afrikanische Netzwerk der privaten und staatlichen Beziehungen. Odile Tobner mit kurzen grauen Haare und starker Brille ist eine zurückhaltende sachliche Frau. Seit Langem engagiert sich die emeritierte Literaturprofessorin für eine Korrektur der französischen Afrikapolitik. Odile Tobner ist die Witwe des Schriftstellers Mongo Beti, er starb 2001. Mit ihrem Mann gab sie das Lexikon der Negritude, den Dictionnaire de la Négritude heraus sowie die Zeitschrift Peuples Noirs, Peuples Africains, Schwarze Völker, Völker Afrikas. Heute lebt Odile Tobner in Rouen und Yaoundé, wo sie die von Mongo Beti 1994 gegründete Buchhandlung weiterführt – unter großen Schwierigkeiten, wie sie erzählt.

O-Ton Odile Tobner Politiquement et économiquement le Cameroun … manque de soin
Sprecherin 1
Kamerun ist heute politisch und ökonomisch ein heruntergewirtschaftetes Land.
Es gab nicht eine einzige korrekt verlaufene Wahl, nachdem 1990 formal ein Mehrparteien-Wahlsystem eingeführt worden war. Man hat es mit einer verewigten Diktatur zu tun, die sich den Anschein einer Demokratie gibt, was äußerst unglaubwürdig ist. Eine Opposition wird nicht zugelassen, von Pressefreiheit
ist keine Rede, denn Journalisten, die es wagen, Dinge zu sagen, die der Macht nicht gefallen, landen im Gefängnis. Vor kurzem erst starb ein Journalist wegen fehlender medizinischer Hilfe im Gefängnis.

Atmo: Nationalhymne

Autorin:
Kamerun war das erste der französischsprachigen, der frankophonen Länder, das am 1. Januar 1960 in die Unabhängigkeit entlassen wurde. 1972 veröffentlichte Mongo Beti beim Pariser Verlag Maspéro die “Autopsie einer gescheiterten Dekolonisierung”: Main basse sur le Cameroun. Ein detaillierter Bericht darüber, mit welchen Mitteln Frankreich gegen den Widerstand des Volkes den Diktator Ahmadou Ahidjo einsetzte, um sich den Zugang zu den Ressourcen des Landes – vor allem Erdöl – zu sichern. Das Buch wurde beschlagnahmt, Verleger und Autor verklagt.
Erst 1977, nach langem Rechtsstreit, durfte es in Frankreich wieder erscheinen.

Sprecherin:
“Die Behauptung, Frankreich habe eine sanfte Dekolonisierung in West- und
Zentral-Afrika durchgeführt, wird noch immer mit aller Macht von den Gaullisten der Fünften Republik und ganz allgemein auch von den allermeisten französischen Historikern verteidigt. Eine Behauptung, die auch im Jahr 2010 der ehemalige Minister Jacques Toubon in die Öffentlichkeit trägt. Er ist mit der Ausrichtung der Feierlichkeiten beauftragt worden. Die Realität indessen sieht anders aus.”
Odile Tobner

Autorin:
Jacques Toubon war Kultus- und Justizminister in der Regierung Jacques Chirac und gilt als eine Schlüsselfigur der Françafrique. Er rühmt sich seiner guten Beziehungen zu afrikanischen Diktatoren. Dass die einstige Kolonialmacht 2010 die vermeintliche Unabhängigkeit der frankophonen Staaten Afrikas zelebriert, empfinden viele Afrikaner als Affront:

Sprecher:
“Es ist zutiefst anstößig, und das ist noch milde ausgedrückt, wenn der Sklavenhalter die Befreiung seines Sklaven ‘feiert’, den er noch immer gefesselt hält”

Autorin:
schrieb etwa die Internetzeitung Afrika-News

O-Ton Odile Tobner C’est le gouvernement de De Gaulle qui a piloté ces indépendances … . défense par ces bases et par ces coopérants militaires
Sprecherin 1:
Die Regierung De Gaulle steuerte diese Unabhängigkeiten, die in Wirklichkeit
manipulierte Unabhängigkeiten waren, es gab besondere Verträge, die einseitig zum Vorteil für Frankreich waren, die Afrikaner hatten gar keine andere Wahl als Verträge zu unterschreiben, die es Frankreich erlaubten, die Oberhand über alle Ressourcen zu behalten, die Geldpolitik über den Franc CFA der Colonies françaises africaines zu bestimmen und die Außen- und Verteidigungspolitik über Militärbasen in Afrika zu kontrollieren
Autorin:
De Gaulles Mann in Afrika war Jacques Foccart. Bis zu seinem Tod im Jahr 1997 dirigierte Monsieur Afrique mehr oder weniger diskret die politischen Geschäfte. Foccart war es auch, der die Order zur Niederschlagung der von der ethnischen Gruppe der Bamilékés getragenen Befreiungsbewegung in Kamerun gab: das erste Verbrechen der Françafrique nach der Unabhängigkeit – ein bis heute verschwiegenes Verbrechen.

O-Ton Odile Tobner Ce sont des relations en grande partie … tout cela a accompagné la politique française en Afrique.
Sprecherin 1:
Es sind größtenteils verdeckt gehaltene Beziehungen, betrieben von verschiedenen Zellen, von mit Sonderbefugnissen ausgestatteten Afrika-Arbeitsgruppen und Spezialeinheiten des Elysée-Palasts, Beziehungen höchst schädlicher und undemokratischer Art, die im Verlauf der Fünften Republik unter den verschiedenen Präsidentschaften zu einem Geflecht von Abhängigkeiten und skandalträchtigen Korruptionsaffären in den ehemaligen französischen Kolonien geführt haben.
Man kann sich ein Bild davon machen, wenn man die Memoiren von Jacques Foccart liest. Er enthüllt natürlich nicht alles, zumal man ihn verdächtigt, dass er nicht wenige der progressiven afrikanischen Führer der Unabhängigkeitsbewegung durch Officines de barbouzes, wie die Geheimdienst-Agenturen genannt werden, ermorden ließ, dieser Name benennt zutreffend die Spezialdienste, das Söldnerwesen und all das, was die Politik Frankreichs in Afrika begleitet hat.

Sprecher:
“Für die frankophonen Länder Afrikas Gabun, Congo, Kamerun war das schwarze Gold ein Fluch. Eine finstere Allianz aus den französischen Erdölgesellschaften Total und Elf-Aquitaine und den Diktatoren der frankophonen afrikanischen Republiken machte aus dem Erdölgeschäft ein absolutes Tabuthema, mit dem Segen des fernen Elysée-Palasts. Als man erfuhr, dass die Erdölgesellschaften Total und Elf-Aquitaine, staatliche Gesellschaften, wesentliche Einnahmen aus dem Erdölgeschäft direkt auf ausländische Konten, vor allem auf Schweizer Konten, des Diktators Ahmadou Ahidjo überwiesen, wurde das ganze Ausmaß des Skandals offenbar. Eine Praktik, die selbstverständlich unter Präsident Paul Biya fortgesetzt worden ist.”
Mongo Beti

O-Ton Ibrahima Thioub En 1960 on a eu une indépendance formelle … à l’organisation des Nations unies; on a constitué des armées, on a eu un drapeau … .par la colonisation
Sprecher 1:
1960 erhielten wir eine formale und juristische Unabhängigkeit, es wurden international anerkannte souveräne Staaten geschaffen, die zum Beitritt in die UNO berechtigten. Institutionen wurden geschaffen und Personen eingesetzt, die diese verkörpern sollten, Präsidenten der Republik

Autorin:
Ibrahima Thioub lehrt afrikanische Geschichte an der Universität Dakar im Senegal

O-Ton Ibrahima Thioub
Sprecher 1:
Armeen wurden aufgestellt, wir bekamen eine Fahne, war besonders wichtig war und meistens war sie dreifarbig. Aber, war es das, was der Befreiungskampf zum Ziel gehabt hat? War es das, was die Befreiungskämpfer gewollt hatten, wenn man an die panafrikanische Bewegung denkt, die für die Verbesserung der Lebensbedingungen aller Afrikaner gekämpft hatte, für die Anerkennung der afrikanischen Kulturen und Zivilisationen und für ein Ende der politischen Unterdrückung und der ökonomischen Ausbeutung des Kontinents, der der Kolonisierung unterworfen gewesen war.

Autorin:
Der 54-jährige Historiker ist ein scharfer Kritiker afrikanischer Eliten, denen er vorwirft, die Probleme des Kontinents mitverschuldet zu haben.

O-Ton Ibrahima Thioub Au lendemain de la deuxième guerre mondiale … . Ce n’était plus possible
Sprecher 1:
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, den Kriegserfahrungen und den afrikanischen Opfern dieses Krieges kommt die Befreiungsbewegung beschleunigt in Gang und bringt die alten Mächte in Bedrängnis. Die Metropolen antworteten darauf, indem sie nach einer Handlungsperspektive suchten, die es ihnen ermöglichen sollte, am wirkungsvollsten ihre Interessen im Kolonialreich zu wahren, hinzukam, dass sie nicht länger gewillt waren, staatliche Gelder in die alten Kolonialverwaltungen zu investieren.

Es gab eine ausgebildete afrikanische Elite, die in der Lage war, das europäische Modell des Nationalstaats zu übernehmen, auch wenn es natürlich äußerst fragwürdig war, aus den kolonisierten Ländern Nationalstaaten machen zu wollen.
Die Metropole wollte sich zurückziehen und einerseits die Kosten für überholte Verwaltungstrukturen in den Kolonien loswerden, auch die Kosten für ausgedehnte Kriege gegen Aufstände und Revolten, sich also zurückziehen und dennoch brauchbare Instrumente schaffen, um den kulturellen Einfluss zu erhalten und die ökonomischen und politischen Interessen wahren zu können.

Sprecher:
“Nur allzu oft wird die führende Rolle vergessen, die Frankreich bei der Unterdrückung der Unabhängigkeitsbewegung der Union der Völker Kameruns, gespielt hat. Vor der Unabhängigkeit, das versteht sich von selbst, weil Frankreich die kolonisierende Macht war, aber erst recht nach der Unabhängigkeit im Verlauf eines regelrechten Vernichtungskrieges zur Rückeroberung. Bis 1964 lässt sich die mehr oder weniger verschleierte Präsenz eines französischen Expeditionskorps verfolgen. Diese vier Jahre von 1960 bis 1964 sind die Zeit eines grausamen Krieges, geführt von französischen Soldaten gegen die Kämpfer der Union der Völker Kameruns. Ich selbst habe Augenzeugenberichte darüber gesammelt, die mich noch heute, Jahrzehnte nach dem Geschehen, erzittern und erschauern lassen.”
Mongo Beti

Atmo – Sommet Afrique-France, Nizza Juni 2010

Autorin:
Sommet Afrique – France, der afrikanisch-französische Gipfel in Nizza im Juni 2010. Die alte Hafenstadt an der Côte d’Azur wurde zum Ärger ihrer Bewohner zwei Tag lang in eine Hochsicherheitszone verwandelt. Auf Einladung des französischen Staatspräsidenten versammelten sich dort erst mals alle afrikanischen Staatschefs, auch die der englischsprachigen Länder, mit ihren Wirtschaftsdelegationen. Dabei waren außerdem der Präsident der Weltbank, UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon und die Präsidentin des französischen Unternehmerverbandes – ein “historisches Treffen”. Anlass war das Jubiläum zu 50 Jahren Unabhängigkeit.

O-Ton Nicolas Sarkozy
La France veut parler avec l’Afrique, avec l’Afrique dans son ensemble ( … ) Entre l’Afrique et l’Europe, entre l’Afrique et la France il y a douze kilomètres qui nous sépare
Sprecher 2:
Frankreich will sich mit Afrika verständigen, mit ganz Afrika ( … ) Zwischen dem afrikanischen Kontinent und Europa, zwischen Afrika und Frankreich liegt doch nur eine Entfernung von zwölf Kilometern.
O-Ton Sarkozy
Nous avons parlé de toutes les questions difficiles et je voudrais dire à mes amis Président Biya, Président Bongo, Président Sassou, tous ceux avec qui on a pu
parlé franchement ( … )

Autorin:
Nicolas Sarkozy dankt den “afrikanischen Freunden” für die offenherzigen Gespräche, wie er es nennt. Namentlich dankt er jenen Freunden, die da heißen: Präsident Bongo aus Gabun, Präsident Sassou-Nguesso aus Kongo-Brazzaville, Präsident Biya aus Kamerun.
Ali Bongo ist Sohn und Nachfolger des dienstältesten afrikanischen Diktators
Omar Bongo, der 2009 starb. 42 Jahre lange herrschte Omar Bongo über die
Erdöl-Republik Gabun. Und der hier mit freundlichem Dank bedachte Diktator Denis Sassou Nguesso lebte in den 90er-Jahren im Pariser Exil. 1997 putschte er sich zurück an die Macht. Folter, Verbrechen gegen die Menschheit, Korruption werfen ihm Menschenrechtsorganisationen vor.

O-Ton Paul Biya, Präsident von Kamerun
französisch
Autorin:
Paul Biya ist seit 28 Jahren im Amt. Wahlfälschung, Manipulation der Verfassung, Unterdrückung der Opposition: Mit allen Mitteln hält sich der 74-Jährige an der Macht. Transparency International stufte Kamerun als eines der korruptesten
Länder der Welt ein.

O-Ton Paul Biya
Autorin:
Afrika sei ein politisch reifer Kontinent, sagt Paul Biya, und der Austausch mit Frankreich äußerst fruchtbar. Der Diktator ist ein sichtlich von Krankheit gezeichneter Mann. Wie andere afrikanische Potentaten lässt er sich im Ausland behandeln. Die Krankenhäuser des Landes, sagt Odile Tobner, seien in einem katastrophalen Zustand. Mongo Beti starb an Nierenversagen, weil es selbst in der Hauptstadt keine Dialyse gab.

O-Ton Odile Tobner Donc on ne comprend pas . .. qui sont au Cameroun ( … )
Elle a été rejeté la plainte … ça pose quand-même un problème
Sprecherin 1:
Man fragt sich, wie man den Präsidenten dieses Landes zum großen Freund Frankreichs küren kann. Aber Biya war schon immer der beste Freund eines jeden französischen Präsidenten – er war der beste Freund von Chirac und nun ist er eben der beste Freund von Sarkozy, das sind Erbfreundschaften, er hat eine Funktion, da greift eins ins andere und erklärt sich aus den vielfältigen, sehr mächtigen Interessen Frankreichs in Kamerun. Vor kurzem wurde eine Klage abgewiesen, die von Exil-Kamerunern bei einem Pariser Gericht eingereicht worden war. Sie fordern Aufklärung über den Immobilienbesitz der Familie Biya in Frankreich. Es ist bekannt, dass der Sohn von Biya ein mehr als prachtvolles Anwesen an der Côte d’Azur besitzt, das er mit Geldern aus dem Abholzungsgeschäft in Kamerun erworben hat, erhebliche Summen aus der Ausbeutung der Wälder in Kamerun sollen in seine Taschen geflossen sein.

Atmo Radio-Reportage France Inter

Autorin:
Eine Ortserkundung in Kamerun: Cameroun, l’empire noir de Vincent Bolloré, Kamerun, das schwarze Imperium des Vincent Bolloré, eine Radio Reportage von Benoît Collombat, die im März 2009 im staatlichen Rundfunk France Inter gesendet wurde.

O-Ton Benoît Collombat La question de la Françafrique … la réalité de cette Françafrique aujourd’hui
Sprecher 1:
Das System Françafrique ist mittlerweile ziemlich gut dokumentiert, was aber fehlt, das sind Reportagen aus Afrika. Deshalb wollte ich mir vor Ort selbst ein Bild machen, die Menschen zu Wort kommen lassen und mir einen Eindruck verschaffen, wie denn diese Françafrique heute aussieht.

Autorin:
Benoît Collombat, 41 Jahre, ist ein erfahrener Reporter und zuständig bei Radio France Inter für investigativen Journalismus..

O-Ton Benoît Collombat parce que aujourd’hui il y a tout un discours … ce système a perduré aujourd’hui
Sprecher 1:
In letzter Zeit ist viel die Rede davon, dass es ein Françafrique nicht mehr gebe,
dass das der Vergangenheit angehöre. Nicolas Sarkozy selbst hielt zu Beginn seines Mandats schwungvolle Reden zu diesem Thema: Ich werde eine neue Seite aufschlagen, Schluss machen mit den Verstrickungen und Seilschaften, hieß es.
Aber wie man sieht, ist daraus nichts geworden, das System hat überdauert.

Atmo Radio-Reportage

Autorin:
Benoît Collombat hat sich einen Namen mit Reportagen und Büchern über diverse Staatsaffären gemacht, auch über Françafrique.

O-Ton Collombat L’idée de départ c’était d’essayer de voir … comparer ce discours avec la réalité sur le terrain
Sprecher 1:
Mich interessierte vor allem, welche ökonomischen, sozialen und ökologischen Auswirkungen die Aktivitäten eines großen französischen Konzerns wie der Bolloré-Gruppe auf dem afrikanischen Kontinent haben. Vincent Bolloré ist einer der maßgebenden Unternehmer Frankreichs und ein enger Vertrauter des derzeitigen Staatspräsidenten. Er ist in viele Wirtschaftsbereiche eingebunden, insbesondere im Medienbereich. Vor allem aber ist er fest verankert auf dem afrikanischen Kontinent, einen Großteil seines Gewinns erwirtschaftet er dort. Mir ging es darum, die offiziellen Verlautbarungen, die da heißen: ‘Wir investieren, weil wir diesem Kontinent den Fortschritt bringen wollen, wir fördern das Wirtschaftswachstum und die soziale Entwicklung’, mit der Realität vor Ort zu vergleichen.

Autorin:
Auf der Jacht von Vincent Bolloré erholte sich Nicolas Sarkozy seinerzeit von den Strapazen des Wahlkampfs. In Afrika hat Bolloré ein ganzes Imperium aufgebaut:
von Mali über Tschad und die Elfenbeinküste bis Kongo-Brazzaville mit Schwerpunkt Kamerun. Hinzukommen Anteile am Bau der Pipeline Tschad-Kamerun für Exxon und Total.

O-Ton Collombat Le Cameroun, j’ai fait ce choix … bien souvent il faut soigner ses relations avec l’autorité politique
Sprecher 1:
Kamerun habe ich gewählt, weil Vincent Bolloré eben dort in den wichtigsten Wirtschaftssektoren präsent ist: die Eisenbahn RegiferCam, die privatisiert zur CamRail geworden ist, der Containerterminal im Hafen von Douala, für den er die Konzession besitzt, und dann seine Beteiligung an Palmöl-Plantagen über Finanzanteile beim Unternehmen Socapalm, und natürlich auch wegen des politischen Hintergrunds, zumal man weiß, dass man in der Regel seine Beziehungen zu den politischen Machthabern pflegen muss, um sich den Zugang
zu den Märkten auf dem afrikanischen Kontinent zu sichern.

Autorin:
Seit der Privatisierung der Eisenbahn wurden zwei Drittel der Beschäftigten entlassen, Strecken für den Personenverkehr stillgelegt, die Fahrpreise erhöht und der Personenverkehr auf der Hauptstrecke zwischen der Wirtschaftskapitale Douala und der Hauptstadt Yaoundé stark eingeschränkt. Vorrang hat der Güterverkehr. Bolloré hat das Monopol für den Warentransport von Westafrika nach Frankreich.
Arbeiter auf den Palmöl-Plantagen verdienen höchstens 53 Euro im Monat, bei einer Sechstagewoche und unter Arbeitsbedingungen, die manche Arbeiter als eine Form der Sklaverei beschreiben.

Atmo: Nationalhymne

O-Ton Laurence Parisot, Präsidentin des Unternehmerverbandes MEDEF Monsieur le Président de la Republique ( … .) c’est un grand honneur et aussi une lourde responsabilté de porter la voix des entreprises
Sprecherin 2:
Es ist eine große Ehre und zugleich eine gewichtige Verantwortung, bei diesem historischen Gipfel Afrique-France erst mals im Namen der französischen Unternehmen sprechen zu dürfen.

Autorin:
Laurence Parisot, Präsidentin des französischen Unternehmerverbandes und Vorstandsmitglied der Bank BNP Paribas in ihrer Schlussrede beim Gipfel in Nizza:

O-Ton Laurence Parisot Le rôle des entreprises dans nos échanges, la contribution de l’entreprise pour les relations entre nos peuples … . de l’engagement des entreprises
Sprecherin 2:
Die Rolle der Unternehmen für den gegenseitigen Austausch, der bedeutende Beitrag der Unternehmen zu den Beziehungen zwischen unseren Völkern wurde immer wieder hervorgehoben. ( … ) Sie, Herr Präsident der Republik, betonen stets, dass das Wirtschaftswachstum Afrikas nicht allein von Entwicklungshilfe abhängt, sondern ganz entscheidend auf die Ausweitung der privaten Investitionen und das Engagement der Unternehmen angewiesen ist.

O-Ton Benoît Collombat C’est quand même extrêment difficile de parler librement en Cameroun mais … on m’a fermé la porte au nez. ( … ) Méme chose à Paris … sur une partie des faits ça pouvait être diffamatoire et sur une autre partie non.
Sprecher 1:
Man kann sich in Kamerun nicht so einfach frei äußern, das hat mir meine journalistische Arbeit erschwert, dennoch war es möglich, diese kritischen Stimmen aufzunehmen. Mein Hauptproblem hingegen bestand darin, an eine Stellungnahme des Bolloré-Konzerns zu kommen. Vor Ort kontaktierte ich Verantwortliche und Filialleiter der Niederlassungen, musste aber erleben, dass mir alle Türen verschlossen blieben, dass man mir regelrecht die Tür vor der Nase zuschlug.
Dasselbe in Paris. Schriftlich und in aller Form bat ich um ein Interview mit Vincent Bolloré oder einem Stellvertreter, keine Reaktion. Zwei Tage vor der Sendung, wir hatten auf France Inter eine Ankündigung gebracht, da plötzlich schien die Direktion von Bolloré aufgewacht zu sein, auf einmal kamen Einwände, was denn das für eine Sendung sei, wir seien dabei, sie in Verruf zu bringen. Und in der Tat, sie verklagten mich wegen Diffamierung und bekamen teilweise Recht, das Gericht vertrat die Ansicht, dass man einige Aussagen als diffamierend auffassen könne, andere hingegen nicht.

Autorin:
Im Mai 2010 verurteilte ein Pariser Gericht Benoît Collombat und France Inter zu einer Geldstrafe. Obwohl die Richter anerkennen mussten, dass dem Journalisten alle Türen verschlossen geblieben waren und Vincent Bolloré und seine Repräsentanten zu keiner Stellungnahme bereit gewesen waren, fällten sie dieses höchst umstrittene Urteil, dessen Begründung nicht nachvollziehbar ist. So wurden dem Reporter angebliche Ungenauigkeiten in einzelnen Aussagen der von ihm interviewten Angestellten über die Bolloré-Gruppe angelastet. Es sollte ein Exempel statuiert und “gewissen Journalisten eine Lektion erteilt werden”, so wörtlich der Anwalt des Konzerns. France Inter verzichtete auf eine Berufung – aus Kostengründen. Als die katholische Wochenzeitung Témoignage chrétien einen kritischen Bericht über das Urteil brachte, verlangte Bolloré prompt eine Gegendarstellung und drohte mit einer Klage.

O-Ton Benoît Collombat Mais derrière ça, je pense qu’il y a une stratégie.. une stratégie d’harcelement judiciare.
Sprecher 1:
Dahinter zeichnet sich deutlich eine Strategie ab, die Bolloré-Gruppe will ihr Image
in der Öffentlichkeit kontrollieren und schickt eine Botschaft an die Adresse von Journalisten: “Vorsicht, ihr bewegt euch auf vermintem Gelände, passt auf, was ihr sagt, wir lassen nichts durchgehen.” Ohnehin gibt es nur sehr wenige Journalisten, die sich mit solchen Themen beschäftigen, so werden die Leute durch die Androhung von Gerichtsverfahren mürbe gemacht.

O-Ton Laurence Parisot
La vocation des entreprises est de satisfaire des clients … .des talents méconnu.
Sprecherin 2:
Unternehmen sind dazu berufen, die Kunden zufriedenzustellen. Zu diesem Zweck investieren sie, arbeiten an Innovationen, kreieren neue Produkte und Dienstleistungen. Und indem sie das tun, schaffen sie Reichtum, bieten Arbeitsplätze und nicht zuletzt vermitteln sie den Menschen damit auch Hoffnung und Zuversicht. Unsere Unternehmen, französische und afrikanische Unternehmen, werden dies umso besser tun, wenn sie den Menschen und den Respekt vor der Menschenwürde ins Zentrum ihrer Aktivität stellen. ( … ) Denn besteht nicht der größte, der kostbarste Reichtum Afrikas in seinen Menschen? Milliarden Männer und Frauen, deren Talente nur allzu oft verkannt werden.

Atmo – Rue Baudelique, Stimmengewirr und Lärm in einer stillgelegten Betriebshalle

Autorin:
In der Halle auf dem Betriebsgelände einer ehemaligen Sozialeinrichtung der Arbeiterwohlfahrt. Über Jahre stand das Gebäude in der Rue Baudelique
im 18. Pariser Arrondissement leer. Seit Juli 2009 besetzen es 3000 sans-papiers, Einwanderer ohne Papiere. Auf Transparenten steht in großen Lettern: “Ministère de la régularisation”, was soviel meint wie ‘Ministerium für die offizielle Anerkennung aller sans-papiers’, eine Anspielung auf das umstrittene von Nicolas Sarkozy 2007 eingerichtete Ministerium für Einwanderung und nationale Identität.

O-Ton
Nous, on est parti pour un but bien précis, … avoir des diplômes et on ne touve pas de travail
Sprecher 2:
Wir fordern, dass keine Abkommen mehr unterzeichnet werden zwischen Frankreich und den afrikanischen Staaten, die es möglich machen, sans-papiers umstandslos abzuschieben. Diese Staatschefs wissen ganz genau, warum wir hier sind. Wir sind hier, weil bei uns Elend herrscht, weil es keine Arbeit gibt, man kann studiert haben, man kann Diplome erworben haben und trotzdem findet man keine Arbeit.

Atmo

Autorin:
Notdürftig haben sich die Menschen hier eingerichtet, auf Matratzenlagern, die provisorisch mit Tüchern verhängt wurden. Frauen, Kinder, Männer leben hier.
In vielen Ecken sind Fernseher aufgestellt: es läuft ein WM-Fußballspiel in Süd-Afrika.

Atmo

Autorin:
Eine Delegation von 120 sans-papiers aus der Rue Baudelique war am 1. Mai 2010 nach Nizza aufgebrochen: über 900 Kilometer zu Fuß, in 24 Etappen quer durch Frankreich.

O-Ton Anzoumane Sissoko, Sprecher der Sans-papiers, Rue Baudelique
Je m’appelle Sissoko Anzoumane, je suis le porte-parole du Ministère de la régularisation de tous les sans-papiers … pour la Françafrique et aussi les chefs-d’états qui étaient à côte de lui
Sprecher 2:
Ich heiße Anzoumane Sissoko und bin Sprecher des von uns sogenannten “Ministeriums für die offizielle Anerkennung aller sans-papiers” und Koordinator der sans-papiers, die den Marsch von Paris nach Nizza angeregt hatten ( … ) Kein einziger Staatschef hat uns angehört und trotzdem, wir haben ein Signal gesetzt, das zählt. Sarkozy ist im Bilde und weiß, dass die sans-papiers nach Nizza marschiert sind, wegen der Geschichte und der Françafrique.

Autorin:
Anzoumane Sissoko ist in Mali geboren und lebt seit 16 Jahren in Paris – ohne Papiere. Bis vor einem Jahr arbeitete er für ein Reinigungsunternehmen. Immer neue Gesetze der Sarkozy-Administration machen aus Menschen, die seit vielen Jahren in Frankreich arbeiten, illegale Einwanderer, die abgeschoben werden sollen.

O-Ton Anzoumane Sissoko On nous fait croire qu’il faut une nouvelle methode de travail entre la France et l’Afrique … Heureusement l’internet est arrivé pour sortir les gens qui sont isolés
Sprecher 2:
Man redet davon, dass man nach neuen Wegen der Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Afrika suchen müsse, das die Vergangenheit fragwürdig sei, schon richtig, aber das eigentliche Problem ist doch, wie man mit dem Heute umgeht.
Wenn es heißt, dass Afrika sich aus sich selbst heraus entwickeln muss, dass Frankreich die Ausplünderung, die es betrieben hat, wieder gutmachen muss,
dass Frankreich Diktatoren gefördert hat, dann ist das schön gesagt, aber genau diejenigen, die das sagen, sperren sich gegenüber unserem berechtigten Anliegen, wir werden ausgegrenzt. Mehr als 3000 Personen besetzen nun schon seit 10 Monaten dieses Gelände, aber kein Fernsehsender, kein Radiosender berichtet darüber. Wenn 10 Leute ein Wohnhaus besetzen, erfährt man das am nächsten Tag im Fernsehen. Hier sind 3000 Personen aus 25 Ländern, der ganze Kontinent ist vertreten, aber niemand spricht davon. 120 Menschen marschieren von Paris nach Nizza, fast 1000 Kilometer zu Fuß, und das erfährt man nicht. Zum Glück gibt’s das Internet und das holt die Leute aus ihrer Isolierung.

Musik: franz. Nationalhymne

O-Ton Georgette
Je cotoie pas mal d’africains qui vivent des situations dramatiques, la plupart
n’ont pas de papiers et je me rends compte actuellement on commence à parler des génocidaires qui vivent en France, ça me choque.

Sprecherin 2:
Ich habe viel mit Afrikanern zu tun, die in einer dramatischen Lage sind, die meisten haben keine Papiere, und wenn ich dann daran denke, dass man jetzt über die Täter des Genozids zu sprechen beginnt und erfährt, dass diese unbehelligt in Frankreich leben, das schockiert mich.

Autorin:
Georgette ist Tutsi, aufgewachsen in einem Dorf in Burundi, im Grenzgebiet zu Ruanda. Seit vielen Jahren lebt Georgette mit Mann und Kind in der Pariser Banlieue, einer der gesichtslosen Vorstädte. Sie möchte nicht, dass man ihren vollen Namen erfährt. Noch immer hat sie Angst.
O-Ton Georgette
Ça me scandalise de me dire que aujourd’hui la France qui est un pays qui accueilli des gens qui ont en avaient besoin, les victimes de ce génocide là… le seul crime qu’il a commis, le seul délit qu’il a commis c’est de ne pas avoir des papiers.
Sprecherin 2:
Wenn ich mir klarmache, dass Frankreich diejenigen, die darauf angewiesen waren, die Opfer des Völkermords in Ruanda geworden waren, aufgenommen hat, dass dieses Land zugleich die Mörder aufnimmt, ohne sie vor Gericht zu stellen, bin ich entsetzt. Viele Täter des Genozids, die als solche über Interpol gesucht werden, leben hier, haben Posten in angesehenen Berufen und sie werden nicht verurteilt, obwohl Frankreich alles in der Hand hat, um sie vor Gericht zu bringen. Wenn ich mir vorstelle, ich könnte als Opfer des Genozids einen Nachbarn haben, der am Völkermord beteiligt war und sich nicht vor Gericht verantworten muss, während man nebenan Jagd macht auf den kleinen sans-papiers, der arbeitet, seine Steuern zahlt und dessen einziges “Vergehen” darin besteht, keine Papiere zu haben.
O-Ton Bernhard Schmid
Es sind zwei mutmaßliche Völkermordtäter jüngst verhaftet worden. Einer auf Mayotte, einer zu Frankreich gehörenden Komoren-Insel Ende Mai und Eugène Rwamucyo auf einem Friedhof etwas nördlich von Paris.
Autorin:
Bernhard Schmid ist Jurist und Autor, er lebt in Paris: Frankreich in Afrika. Eine Neo-Kolonialmacht in der EU, heißt sein neues Buch.
O-Ton Bernhard Schmid
Das ist besonders bemerkenswert, weil Rwamucyo jahrelang legal in Frankreich gelebt hat, obwohl er bei Interpol mit der Fahndungsstufe Rot als dringend Tatverdächtiger zur Fahndung ausgeschrieben war. Rywamucho war als Krankenhausarzt in Maubeuge, in Nordfrankreich an der belgischen Grenze tätig. Dort hatte er einen Konflikt mit einer Krankenschwester, die er schwer beleidigt hat, die daraufhin im Internet suchen ging ( … ) und die problemlos im Internet von zu Hause von ihrem Computer aus herausfand, dass der Typ bei Interpol auf der höchsten Fahndungsstufe steht. Daraufhin hat er sich schnell über die belgische Grenze abgesetzt, das war im November 2009.

Autorin:
Ein Abgeordneter der Regierungspartei UMP in Maubeuge hatte sich persönlich für den ruandischen Arzt eingesetzt, obwohl der in Ruanda in Abwesenheit als einer der Haupttäter des Genozids bereits verurteilt worden war. Rwamucyo erhielt problemlos eine Aufenthaltsgenehmigung.

O-Ton Georgette
Mon père, j’esperais qu’il s’en sorte, … c’est là où j’ai commençé à réaliser d’où je venait en fait.
Sprecherin 2:
Ich hatte gehofft, dass mein Vater verschont geblieben sein könnte, doch dann musste ich erfahren, dass er getötet und die gesamte Gegend zur Sperrzone erklärt worden war, und ich dachte an jene Teile meiner Familie, die in der Hauptstadt lebten, was ihnen das Leben gerettet hat. Irgendwann in der Nacht schaffte ich es, sie telefonisch zu erreichen, sie berichteten, dass meine Mutter frühmorgens eine Art Vorahnung gehabt haben muss, sie fühlte sich nicht wohl und mein Vater bestärkte sie darin, zu ihren Töchtern in die Stadt zu gehen, die sich um sie kümmern würden, das hat ihr das Leben gerettet. In den folgenden Tagen entdeckten sie die getöteten Cousins, die Onkel: meine Mutter verlor an einem einzigen Tag ihren Mann, ihre vier Brüder, einen Großteil ihrer Familie, getötet in einer einzigen Nacht. Und ich, ich war in Paris, damals wurde mir zum ersten Mal bewusst, woher ich eigentlich komme.

Autorin:
Georgettes Vater wurde im Januar 1993 von Milizen der Hutu Power ermordet –
das war ein Jahr vor Beginn des Völkermords in Ruanda im April 1994.

Sprecher:
Ende Januar 1993 kam es in den 20-Uhr-Nachrichten des Fernsehsenders France 2 zu einem denkwürdigen Ereignis: Ins Studio gekommen war Jean Carbonare,
70 Jahre alt, Résistance-Kämpfer. Im Januar 1993 war der erfahrene Afrikaspezialist im Auftrag einer von Menschenrechtsorganisationen eingesetzten Kommission als Beobachter in Ruanda und Burundi unterwegs gewesen. Jean Carbonare berichtet ruhig: “Was uns besonders entsetzt hat, war die systematische Organisation dieser Massaker. In Europa spricht man von Konfrontationen zwischen verschiedenen Ethnien, in Wahrheit passiert hier etwas ganz anderes. Wir konnten uns mit eigenen Augen davon überzeugen, dass hier eine systematische Politik der ethnischen Säuberung im Gang ist. Noch aber kann man etwas tun.” Plötzlich muss er weinen, dann fängt sich Jean Carbonare wieder und sagt: “Die Regierung Frankreichs kann die politischen Autoritäten des Landes, die sie militärisch und finanziell unterstützt, unter Druck setzen. ( … ) Wir können etwas tun, wir müssen etwas tun.”

O-Ton Odile Tobner
La question du Ruanda est une question extrêmement importante et totalement … où les Français ont été les protecteurs du régime d’Habyariamana.
Sprecherin 1:
Was in Ruanda geschehen ist, ist von allergrößter Bedeutung, wird aber von Frankreich geleugnet. Die offizielle Doktrin lautet, Frankreich hat in Ruanda nichts getan, was ihm vorzuwerfen wäre. Dem aber widerspricht alles, was mittlerweile bekannt geworden ist und was man über den Zeitraum, in dem Frankreich Schutzmacht des Regimes von Habyariamana gewesen war, hat herausfinden können.

Autorin:
Anfang der 90er-Jahre war Jean-Christophe Mitterrand, Sohn des amtierenden Staatspräsidenten François Mitterrand, Drahtzieher der “afrikanischen Zelle” des Elysée-Palasts. Jean-Christophe Mitterrand unterhielt beste Beziehungen zu Diktator Juvénal Habyariamana, dem Ober-Befehlshaber der Hutu Milizen. Denn dieser galt als Garant der Frankophonie und der geopolitischen Interessen Frankreichs in diesem in Rivalität zu England stehenden Teil Afrikas. Mit dem Ende des kalten Krieges setzte eine neue Phase der Françafrique ein.

O-Ton Bernhard Schmid
1994 war in Frankreich Kohabitationszeit, das heißt es gab eine bürgerlich-konservative Regierung unter Eduard Balladur und einem in Anführungszeichen sozialistischen Präsidenten François Mitterrand, wobei in der Ruandafrage Mitterrand die schlimmere, die weitaus üblere Rolle gespielt hat. Frankreich wirft man vor, dass es die Milizen, die den Völkermord zum Großteil verübt haben, aber auch die offizielle ruandische Armee, die regulären Streitkräfte, aufgerüstet, trainiert und bewaffnet hat, und das bis während des laufenden Völkermords.

O-Ton Odile Tobner
Jusqu’à présent en France aucune poursuite n’a abouti … maintenant il est question d’ouvrir une véritable enquête.
Sprecherin 1:
Bis heute hat keine einzige Strafanzeige der von den Opferorganisationen in Frankreich angestrengten Strafverfolgungen zu einem Ergebnis geführt, es herrschte absolute Straflosigkeit. Erst jetzt beginnt man sich für jene Leute zu interessieren,
die man der Täterschaft verdächtigt und die sich in aller Ruhe in Frankreich niedergelassen haben, mittlerweile seit 16 Jahren. Vor allem die Witwe von Präsident Habyariamana, die im Zentrum der für den Genozid verantwortlichen Ideologen gestanden haben soll ( … ) nun ist die Rede davon, eine Untersuchung auf den Weg zu bringen.

O-Ton Georgette
Je pense que politiquement, aujourd’hui l’Afrique a besoin d’une vraie justice.
Ce qui s’est passé en Burundi en 1993 et ce qui s’est passé au Ruanda un an aprés, tout le monde l’a vu, et je crains que ça revienne parce qu’il n’y a pas eu de justice.
Sprecherin 2
Was Afrika heute braucht, ist eine Politik der Gerechtigkeit. Ich befürchte, dass das, was sich 1993 in Burundi und ein Jahr später in Ruanda vor den Augen der ganzen Welt ereignet hat, wieder passieren kann, weil es keine Gerechtigkeit gegeben hat.

Musik: franz. Nationalhymne

Absage
Françafrique. Eine Schule der Diktatoren
Frankreichs Afrikapolitik in der Kritik
Ein Feature von Ruth Jung
Sie hörten eine Produktion des Deutschlandfunks 2010
Es sprachen: Ursula Illert, Hans Bayer, Volker Risch, Ruth Schiefenbusch, Hendrik Stickan und Ilse Strambowski
Ton und Technik: Hendrik Manook und Beate Braun
Regie: Peter Behrendsen
Redaktion: Karin Beindorff

O-Ton Sarkozy
Nous avons parlé de toutes les questions difficiles et je voudrais dire à mes amis ( … ) Président Biya, Président Bongo, Président Sassou, tous ceux avec qui on a pu
Parlé, on a pu parlé franchement. A quoi ça sert d’être ami si on ne peut pas évoquer les questions …

Autorin:
Ende 2010 wird der von den Vereinten Nationen in Arusha/Tansania eingesetzte Internationale Gerichtshof zur Aufklärung und Strafverfolgung des letzten Genozids des 20. Jahrhunderts seine Arbeit einstellen. Im November 2009 war die französische Regierung von eben diesem Gerichtshof wegen Verschleppung und mangelnder Kooperation offiziell gerügt worden.

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http://www.deutschlandfunk.de/francafrique-eine-schule-der-diktatoren.1247.de.html?dram:article_id=190298

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