Mit Militär kann Frankreich nicht den Grund der Krisen beseitigen: Den Frust derer, die immer ärmer werden und vom Rohstoffreichtum Afrikas nichts abbekommen! Frankreichs Angst, wirtschaftlich den Anschluss in Afrika zu verlieren, liegt auf der Hand: Französische Unternehmen erleiden seit geraumer Zeit empfindliche Einbußen auf den boomenden afrikanischen Märkten. Immer häufiger verlieren sie Großaufträge an die starke Konkurrenz aus China. Jean-Emanuel Pondi, Direktor des Instituts für Internationale Beziehungen in Kamerun (IRIC): “Afrika ist doch kein Wildgehege, das man für sich beanspruchen kann. Die Amerikaner und die Europäer sind unsere Freunde, genauso wie die Chinesen unsere Freunde sind.”

Nach erneuter Militärintervention

“Françafrique” in neuem Gewand?

Frankreichs Präsident Hollande hatte eine neue Afrika-Politik versprochen. Bislang schickt er aber vor allem Soldaten in Krisengebiete – nun schon zum zweiten Mal in diesem Jahr. Kritiker fragen sich, wie ernst Hollandes Ankündigung ist.

Von Katrin Matthaei, Deutsche Welle

Frankreich weiß nicht, auf welchem Bein es in Afrika tanzen soll: Die ehemalige Kolonialmacht tut sich schwer damit, einen neuen Umgang mit dem Kontinent zu finden. Entweder setzt sich die Regierung in Paris dem Vorwurf der Einmischung aus oder dem des Desinteresses. Frankreich selbst kämpft um die Wahrung seiner Wirtschaftsinteressen in Afrika.

Ein Gipfel in Paris soll es richten

Frankreichs Präsident Hollande (Bildquelle: AFP)

galerieFrankreichs Präsident Hollande will seine Afrika-Politik neu aufstellen.

Mit einem zweitägigen Afrika-Gipfel will man nun einen Schritt weiterkommen. Seit heute hat Präsident François Hollande eingeladen: Vertreter aus mehr als vierzig Staaten reisen nach Paris, darunter viele Staats- und Regierungschefs. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und seine Amtskollegin von der Afrikanischen Union, Nkosazan Dlamini-Zuma, wollen ebenfalls kommen.

Das Treffen steht unter dem Thema “Sicherheit und Frieden in Afrika”. Dabei soll es um die langfristige Stärkung der Eigenverantwortung afrikanischer Länder gehen. Wie das genau aussehen soll, ist aber unklar. “Frankreich führt derzeit keine Politik, die in die Zukunft gerichtet ist”, sagt Jean-Emanuel Pondi, Direktor des Instituts für Internationale Beziehungen in Kamerun (IRIC). “Man hat eher das Gefühl, dass man auf die Ereignisse reagiert, anstatt die Probleme vorher anzugehen.”

Kampf um Wirtschaftsinteressen

Dass es im Vorfeld des Afrika-Gipfels auch ums Geschäft geht und eine Messe mit rund 600 französischen und afrikanischen Unternehmen stattfindet, bewertet der ehemalige französische Botschafter in Afrika, Pierre Jacquemot, als “völlig normal”. Aber Frankreichs Angst, wirtschaftlich den Anschluss in Afrika zu verlieren, liegt auf der Hand: Französische Unternehmen erleiden seit geraumer Zeit empfindliche Einbußen auf den boomenden afrikanischen Märkten. Immer häufiger verlieren sie Großaufträge an die starke Konkurrenz aus China.

 

Dass dies für viele ein Grund zur Aufregung ist, ärgert Pondi: “Afrika ist doch kein Wildgehege, das man für sich beanspruchen kann. Die Amerikaner und die Europäer sind unsere Freunde, genauso wie die Chinesen unsere Freunde sind.”

Einsatz in der Zentralafrikanischen Republik

Das Thema des Gipfels “Sicherheit und Frieden in Afrika” könnte aktueller nicht sein: In der Zentralafrikanischen Republik eskaliert die Gewalt, und Frankreich will bis zu 1000 Soldaten entsenden, um gemeinsam mit afrikanischen Truppen das Land vor weiterem blutigen Chaos zu bewahren.

Französische Soldaten ziehen einen Helikopter. (Bildquelle: AFP)

galerieIn Elfenbeinküste stationierte französische Soldaten bei ihrer Ankunft in Bamako, Mali.

Doch mit einem weiteren Militäreinsatz macht sich Frankreich nicht nur Freunde in Afrika: “Krisen wie in Zentralafrika sind das Resultat einer sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheit”, so Politologe Pondi. “Ein militärischer Einsatz erscheint sicher von Nutzen, aber das ist vor allem für die Medien. Das wird nicht den Grund der Krise lösen, nämlich den Frust derjenigen, die immer ärmer werden und nichts vom Reichtum unseres Kontinents abbekommen.”

Der Einsatz in Zentralafrika ist bereits die zweite Militärintervention in einem afrikanischen Land unter Hollandes Präsidentschaft. Im Januar hatte Frankreich im westafrikanischen Mali interveniert, um gemeinsam mit Truppen der Afrikanischen Union islamistische Gruppierungen aus dem Norden des Landes zu vertreiben. Das sind zwei große Militäreinsätze innerhalb eines Jahres – und Kritiker in Afrika fragen sich, wie ernst es Frankreich mit einer neuen Afrika-Politik überhaupt ist.

Neuauflage des “Françafrique”?

Hollande hatte im Wahlkampf 2012 eine neue Afrika-Politik angekündigt und das als “Françafrique” bezeichnete Interessengeflecht zwischen Frankreich und seinen früheren Kolonien kritisiert. Geheime Paralleldiplomatie und auf wirtschaftlichen Vorteil ausgerichtete politische Absprachen sollten mit ihm ein Ende haben. In der Vergangenheit hatte Frankreich immer wieder militärische Interventionen in ehemaligen afrikanischen Kolonien dazu genutzt, um eigene geopolitische und wirtschaftliche Interessen auf dem Kontinent zu durchzusetzen.

Steckbrief: Zentralafrikanische Republik
tagesschau24 14:00 Uhr, 06.12.2013, Thomas Ziegler, ARD-aktuell

Download der Videodatei

 

Professor Luc-Marius Ibriga befürwortet die Interventionen Frankreichs sowohl in der Zentralafrikanischen Republik als auch in Mali aus humanitären Gründen. Der Experte für Öffentliches Recht an der Universität von Ouagadougou im westafrikanischen Burkina Faso befürchtet dennoch eine neue Form des französischen Paternalismus. “Es geht hier um das gleiche Francafrique, aber in einem anderen Gewand”, kritisiert er. “Aber vielleicht sind die Einsätze in diesem neuen Gewand für viele Afrikaner akzeptabler als das Francafrique-Konzept unter François Mitterrand, Charles de Gaulle oder Georges Pompidou.”

Premier Tiangaye und der französische Außenminister Fabius bei einem Treffen in Paris (Archivbild). (Bildquelle: AFP)

galerieDer Premier der Zentralafrikanischen Republik, Tiangaye, und der französische Außenminister Fabius bei einem Treffen in Paris (Archivbild).

Ibriga vermutet, dass es dem jetzigen französischen Präsidenten bei den Interventionen nicht zuletzt um ein Ablenkungsmanöver von Problemen im eigenen Land geht: Frankreich kämpft mit einer handfesten Wirtschaftskrise und steigenden Arbeitslosenzahlen. “Mit dem Einsatz in der Zentralafrikanischen Republik kann sich Frankreich wieder als Retter Afrikas zeigen”, sagt Ibriga.

Frankreich sichert sich internationale Unterstützung

Aber selbst er räumt ein, dass die französischen Einsätze seit der Intervention in der Elfenbeinküste 2002 ausnahmslos mit einem Mandat des UN-Sicherheitsrates ausgestattet waren. Außerdem finden sie in enger Absprache mit der Afrikanischen Union statt und sind eingebunden in Einsätze regionaler Organisationen. Im Falle Malis etwa mit der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS).

Daher hält François Heisbourg den Vorwurf eines neuen französischen Paternalismus für nicht nachvollziehbar: Man sehe vielmehr eine positive Entwicklung, sagt der Präsident des Internationalen Instituts für Strategische Studien in Paris. “Es ist eine Politik der Kooperation: Die Franzosen intervenieren nicht mehr gegen den Willen der Afrikaner und ohne eine Kooperation auf Augenhöhe.” Das sei der entscheidende Unterschied zu der “neokolonialen” Praxis der 1960er- oder 1970er-Jahre. Heisbourgs Kritik richtet sich allerdings gegen die Europäische Union: Die Verantwortung für Afrika sei auch die Aufgabe anderer EU-Mitgliedstaaten. Die ließen Frankreich derzeit “die finanzielle und humanitäre Bürde” alleine tragen.

http://www.tagesschau.de/ausland/afrika-frankreich100.html

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s